: Mark Haddon
: Das rote Haus
: Karl Blessing Verlag
: 9783641086862
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1 Haus + 2 Familien = 100 Dramen

In den letzten 15 Jahren haben Angela und ihr Bruder Richard nur einen Nachmittag miteinander verbracht. Denn sie leben in unterschiedlichen Welten: er als erfolgreicher Radiologe in Edinburgh, sie als Lehrerin, die nicht nur ihre drei Kinder, sondern auch noch ihren Mann, einen Luftikus, ernähren muss. Doch jetzt, nach dem Tod ihrer Mutter, mietet Richard für eine Woche ein altes, rotes Herrenhaus in Herefordshire und lädt seine Schwester und deren Familie ein. Richard selbst kommt mit seiner zweiten Ehefrau und seiner Stieftochter Melissa, einer hübschen, selbstbewussten, permanent auf Flirt gepolten 15-Jährigen, die Angelas ältestem Sohn den Kopf verdreht. Und nicht nur ihm, sondern zur Verwirrung aller auch noch Angelas Tochter, die gerade erst zu einer religiösen Schwärmerin mutiert war.

Eine moderne Patchworkfamilie trifft auf eine Großfamilie traditionellen Stils, Generation Facebook steht den Rockopas gegenüber. Das Ergebnis: Allenthalben lauern Abgründe, schwelen komische und ernste Konflikte – bis ein lang zurückreichendes Trauma, das Angelas gesamtes Familienleben überschattet hat, endlich aufbricht.

Mark Haddon wurde 1962 in Northampton geboren, studierte am Merton College, Oxford, Literatur und lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Oxford. Für das Kinderprogramm der BBC hat Mark Haddon Drehbücher geschrieben, die ihm zweimal den begehrten BAFTA-Preis eintrugen. Mit dem Roman"Supergute Tage" landete er auf Anhieb einen Weltbestseller und wurde in England mit dem renommierten Whitbread-Award ausgezeichnet. Auch sein zweiter Roman"Der wunde Punkt" (2007) erschien im Blessing Verlag und war ein großer internationaler Erfolg.

Kühltürme und Rieselfelder. Finstock, Charlbury, Ascott-under-Wychwood heißen die Orte. Siebzig Meilen pro Stunde, der Zug durchtrennt die Felder wie ein Reißverschluss. Neben der Flusswindung zwei pistolengraue Geraden. Aufblitzende Sonnenstrahlen auf beschlagenem Metall. Ein Hauch von Dampfbetrieb, noch heute. Hogwarts und Adlestrop. Die Nachtpost überquert die Grenze. Cheyenne jagen den Gebirgsgrat hinunter. Delta Blues aus dem Güterwagen. Irgendwo jene geheimen Weichen, die jederzeit umspringen können, um dich in die Welt uniformierter Gepäckjungen und Großtanten und eines Sommers am See abbiegen zu lassen.

Angela lehnte sich an das kalte Fenster und ließ sich von den Oberleitungen hypnotisieren, die von Strommast zu Strommast sanken und stiegen, wieder und wieder und wieder. Gewächshausanlagen wie silberne Matratzen, nicht entzifferbare Graffiti-Kurven auf einer Backsteinmauer. Vor sechs Wochen hatte sie ihre Mutter beerdigt. Ein bärtiger Mann im abgewetzten Anzug spielteDanny Boy auf einem nordenglischen Dudelsack. Alles ein wenig schräg, der Verband an der Hand des Vikars, die Frau, die ihrem davongewehten Hut zwischen den Grabsteinen nachjagte, der Hund, der niemandem gehörte. Sie hatte gedacht, dass ihre Mutter diese Welt schon vor langer Zeit verlassen hatte, dass die wöchentlichen Besuche bei ihr eher um Angela selbst willen stattfanden. Geschmortes Hammelfleisch. Klassik-Radio und ein Nachttopf aus hautfarbenem Plastik. Ihr Tod hätte eine Erleichterung sein sollen. Doch dann fiel die erste Schippe Erde auf den Sarg, eine Blase war in ihrer Brust hochgestiegen, und ihr war klar geworden, dass ihre Mutter … was? Ein Grundpfeiler gewesen war? Ein Wellenbrecher?

Eine Woche nach der Beerdigung stand Dominic gerade am Waschbecken und putzte mit einer Flaschenbürste eine grüne Vase. Reste des viel zu früh gefallenen Schneestürmten sich noch neben dem Schuppen, und die Wäschespinne drehte sich im Wind. Angela kam herein und hielt das Telefon wie ein obskures Objekt in der Hand, das sie gerade auf dem Flurtisch gefunden hatte.Das war Richard.

Dominic stellte die Vase umgekehrt auf das Abtropfgestell.Und was wollte er?

Er hat uns angeboten, mit ihnen in die Ferien zu fahren.

Er trocknete sich die Hände ab.Redest du von deinem Bruder oder einem anderen Richard?

Ich rede tatsächlich von meinem Bruder.

Dominic wusste beim besten Willen nicht, was er dazu sagen sollte. In den letzten fünfzehn Jahren hatten Angela und Richard nicht mehr als einen Nachmittag miteinander verbracht und ihr Aufeinandertreffen bei der Beerdigung war allenfalls flüchtig gewesen.

An was für einen exotischen Ort will er uns denn entführen?

Er hat ein Haus an der walisischen Grenze gemietet. Bei Hay-on-Wye.

Ah, die feinen Sandstrände von Herefordshire. Er faltete das Trockentuch in der Mitte und hängte es über die Heizung.

Ich habe zugesagt.

Danke, dass du mich auch gefragt hast.

Angela hielt inne und sah ihn an.Richard weiß, dass wir uns keinen eigenen Urlaub leisten können. Ich habe dazu genauso wenig Lust wie du, aber ich hatte nicht gerade viele Alternativen, oder?

Dominic hob beschwichtigend die Hände.Schon gut. Sie hatten diesen Streit zu oft geführt.Also, auf nach Herefordshire.

Dominic klappte das pinke Cover der Lan