: Felicitas Pommerening
: Weiblich, jung, flexibel Von den wichtigen Momenten im Leben und wie man sie am besten verpasst
: Verlag Herder GmbH
: 9783451339202
: 1
: CHF 10.80
:
: Gesellschaft
: German
: 180
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Felicitas Pommerening erzählt, was junge Frauen heute bewegt: Wie viel beruflichen Ehrgeiz haben wir? Wollen wir Kinder? Funktioniert die Liebe im Alltag? Und wie sind wir eigentlich in das Leben geraten, das wir gerade führen? Sie schreibt darüber nicht abstrakt und trocken, sondern erzählt die Geschichte zweier Freundinnnen, typische Vertreterinnen dieser Generation junger Frauen, auf der Suche nach sich selbst und den wichtigen Momenten im Leben.

Felicitas Pommerening, geb. 1982, lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Mainz. Nach dem Studium hat sie jährlich den Job und den Wohnort gewechselt, bis sie keine Lust mehr hatte. 2011 hat sie ihre medienwissenschaftliche Doktorarbeit abgeschlossen.

ELLEN

Die Sache mit dem Geld


Mein Daumengelenk tut weh. Selbst schuld: Ich bin wahrscheinlich die Einzige, die den Satz„Ich drück’ dir die Daumen“ ernst nimmt und wie bescheuert mit dem Daumen in der Faust dasitzt,während die beste Freundin ein Vorstellungsgespräch hat. Anscheinend hat die Drückerei aber nicht viel geholfen: Carlynn ruft sofort nach dem Gespräch an und ist am Boden zerstört.

„Ich werde nie einen Job finden!“

Sie erzählt mir die Details undärgert sichüber alles, was sie gesagt hat. Dabei hört es sich für mich so an, als sei sie da einfach an einen Deppen geraten.

„Er fand mich langweilig“, sagt sie schmollend.

„Du bist doch nicht langweilig! Du bist eine Guerillera!“ Carlynn ist Guerilla-Gärtnerin. Sie bepflanzt heimlich alle Ecken und Winkel in ihrer Umgebung. Zum Beispiel verwandelt sie diese kargen Betonvierecke, in denen die Bäume auf dem Bordstein stehen, in bunte Beete. Besonders cool finde ich den Blumentopf, den sie in der Innenstadt auf eine Ampel gestellt hat. Alles in allem ist das wirklich ein aufwändiges Hobby und ich bewundere sie sehr dafür. Leider geht mein Versuch, sie damit aufzumuntern, nach hinten los:

„Oh Gott! Das hat gerade noch gefehlt, dass er mich mit so einer Rosenschere und mit einer Schürze vor sich sieht– wie die frustrierte Ehefrau inAmerican Beauty!“

„Aber so ist es ja nicht. Du bist Künstlerin! Du machst Street Art!“

Carlynn seufzt.„Ich werde nie einen Job finden“, klagt sie.

Ich schimpfe auf den Senderfuzzi, sage ihr, dass sie toll ist und erkläre zum hundertsten Mal, dass sie nur so viele Absagen bekommt, weil die Arbeitgeber spinnen. Das sieht man doch schon, wenn man sich die Stellenausschreibungen anguckt. Was man alles mitbringen soll, ist doch absurd. Schon die Standardforderung nach Berufserfahrung– ohne Berufserfahrung geht anscheinend gar nichts. In der Regel wird sogar spezifiziert, in welchem Bereich man diese Erfahrung gesammelt haben soll und dass man jetzt natürlichüber die entsprechenden Kenntnisse verfügt ... Mit anderen Worten ist man eben der absolute Experte auf dem Gebiet. Das Motto‚learning-on-the-job‘ scheint in Deutschland keiner zu kennen. Wie sollen wir solche Erwartungen erfüllen, frisch von der Uni? So oder soähnlich habe ich die letzten Wochen schon sehr häufig mit ihr geredet, meistens bei einer Flasche Rotwein auf meinem Balkon.

Dabei hat Carlynn eine perfekte Bewerbungsmappe: Super Noten, Praktika ohne Ende, zwei Auslandssemester– alles, was man eben haben soll. Und trotzdem funktioniert es nicht. Absurde Stellenausschreibungen hin oder her, ich hätte nicht gedacht, dass sie solche Schwierigkeiten haben würde. Vor allem fällt mir nicht ein, was sie hätte anders machen können. Im Gegensatz zu mir ist Carlynn im Studium förmlich aufgegangen. Sie hat ständig irgendwelche zusätzlichen Seminare belegt– nur aus Interesse. Und trotzdem entsprach sie keinem Klischee, sie war keine Erste-Reihe-Sitzerin, die sich ständig zu Wort meldet und irgendwie immer unterbringen muss, dass sie sich ja mit dem Professor duzt. Sie war auch nicht mit Füller, Killer, Lineal und drei verschiedenen Stabilos zugange. Sie war einfach normal, aber interessiert und engagiert. Ist das nicht perfekt für ein Unternehmen? Während ich jetzt noch an meiner Magisterarbeit rumbastele, hat Carlynn sogar innerhalb der Regelstudienzeit fertig studiert, trotz ihrer Auslandssemester. Was soll man denn noch machen, um gut anzukommen?

Sie meint, dass sie auch falsch angezogen gewesen sei. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Wie wichtig kann so etwas schon sein? Gut, ich muss zugeben: Wir gehören zwar beide nicht zu den Erste-Reihe-Sitzern, aber ebenso wenig gehören wir zu den„Coolen“ oder„Hippen“ oder wie man sie auch nennen mag. Ich denke, dazu sind wir beide einfach zu bequem. Immer die aktuellste Mode tragen, Nagellack und Make-up farblich perfekt dazu koordinieren und am besten noch täglich neue, ausgefallen Accessoires tragen: Das ist uns beiden viel zu anstrengend. Aber wir sehen ja deswegen nicht schlecht aus– normal eben. Und sie hat sich ja nun mal auch nicht bei einer Modezeitschrift beworben, wieso sollte das also wichtig sein?

Ich habe keine Ahnung, wie Carlynn auf jemanden wirkt, der sie neu kennenlernt. Als ich bei einer Ersti-Veranstaltung ganz am Anfang des Studiums zufällig neben ihr saß, war sie mir sofort sympathisch, weil sie so gut gelaunt war und viel gelacht hat. Das hat sich auch nie verändert. Bis jetzt.

 

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