Zweites Kapitel
Die Zeit des Sterbens, der Samhain, hatte begonnen. Die alte Grit hatte den Monat November immer so genannt, weil sich viele alte Leute aus Angst vor den trüben Wochen und der Kälte zum Sterben anschickten. Sie hockten sich nahe ans Feuer, obwohl die Glut ihre alten Knochen längst nicht mehr wärmte. Sie krochen unter Kissen und Decken, aßen so wenig wie möglich, bis sie schließlich starben, und ihre Leichen mussten oft bis zum Frühjahr auf das Begräbnis warten, weil der Boden gefroren war. Die alte Grit hatte erzählt, dass sich in der alten Zeit die Seelen um den November-Neumond herum neue Mütter aussuchten. Deshalb nannte man den Novemberanfang auch Allerseelen.
In diesem Jahr war im Weiler erst ein Mensch gestorben. Die Grit.
Das Kind der Seifensiederin lag elend danieder, aber das würde schon wieder werden. Das Kind war jung und kräftig. Die alte Grit war es nicht gewesen. Wenigstens nicht in letzter Zeit.
Sie hatte kaum ihre Seele ausgehaucht, da kamen schon die Dörfler und schleppten sie zum Friedhof. Ihr Leib war noch warm, als die ersten Erdbrocken auf sie fielen. Sie hatten nicht einmal nach dem Priester geschickt. Nur rasch loswerden wollten sie die alte Grit. Und kaum war sie verscharrt, da stürmten sie schon ihre Hütte, rissen raus und zerrten fort, was nicht festgenagelt war. Der Letzte dann, es war der Schmiedsohn Leberecht, zündete die Kate an. Jetzt war dort, wo sie gestanden hatte, nur noch ein schwarzer Fleck zwischen zu Kohle verbrannten Balken.
Karla sah zu den Wolken hinauf, die den Wald und seine Umgebung in einen dichten Umhang aus Nieselregen hüllten. Nebel wallten über die Wiesen und Weiden. Ein Pferdekopf ragte daraus hervor wie aus dichtem Rauch. Die Bäume dahinter, grau und mächtig, neigten ihre Kronen vor dem Wind. Karla fror und zog ihr Umschlagtuch fester um sich. Peter, ihr ältester Bruder, war gestern auf der Jagd gewesen. Er hatte Wolfsspuren gefunden. Ganz nahe bei den letzten Hütten vor dem Wald. Ihre Stiefmutter hatte deshalb befohlen, die Ziege und das dürre Schaf hereinzuholen, damit sie den Winter gemeinsam mit der Familie in der geduckten Kate verbrachten. Sie hatte schon einen Teil des ohnehin zu kleinen Raumes abgeteilt, sodass die sechs Kinder in der Nacht noch enger auf dem Boden zusammenrücken mussten. Der Gestank würde noch schlimmer werden, und Karla würde in der Nacht oft erwachen und das Gefühl haben zu ersticken. Ihr graute vor den dunklen Tagen, in denen draußen der Sturm heulte und die Schneeflocken waagerecht gegen die Hütten trieb. Aber ihr graute auch vor dem Frühjahr, vor dem Sommer und dem Herbst. Ihr graute vor dem Leben hier.
Karla übersah den kleinen Marktflecken mitten im Lüttergrund mit einem hasserfüllten Blick: den engen Weiler mit seinen Bewohnern, die niemals über den Waldrand hinausgegangen waren, gerade mal ein Dutzend dumpfer Katen, in denen Dummheit und Aberglaube wohnten, die maulfaulen Männer mit den hageren rohen Gesichtern und Händen, die zu gern nach den Frauen griffen oder schlugen, und die Frauen, die vergrämt an den Feuerstellen oder Waschtrögen standen und alles ertrugen, weil sie eben Frauen waren. Und nicht zuletzt hasste Karla die ewig gleichen Worte dieser Frauen, die ihr schon beim ersten Anhören hohl vorgekommen waren. «Man kann sich sein Schicksal nicht aussuchen» und «Du sollst den Platz nicht verlassen, auf den Gott dich gestellt hat» und «Gehorche deinem Mann, denn er ist auf Erden dein Gott».
«Go