: Jens Söring
: Nicht schuldig! 33 Jahre US-Haft für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe
: Verlagsgruppe Droemer Knaur
: 9783426414170
: 1
: CHF 10.00
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mehr als drei Jahrzehnte saß der Deutsche Jens Söring unschuldig in US-Haft. Um seine Freundin vor der Todesstrafe zu bewahren, hatte er als junger Student den Mord an ihren Eltern gestanden. Ein fataler Fehler, begangen aus Liebe. Am Ende lautete das Urteil: zweimal lebenslänglich. Mit großer sprachlicher Kraft erzählt Söring von seinem 33 Jahre andauernden Kampf um die Freiheit - und vom unbeschreiblichen Glück, am Ende das Gefängnistor zu durchschreiten.

Jens Söring, geboren 1966 in Bangkok, war von 1986 bis 2019 wegen eines Doppelmordes in Virginia (USA) inhaftiert. Angeblich soll er die Eltern seiner damaligen Freundin Elizabeth Haysom getötet haben.  Während seiner Haft wurde er Schriftsteller und für seine Bücher mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Mehr Informationen unter www.jenssoering.de. 2016 kommt der Dokumentarfilm 'Das Versprechen. Die wahre Geschichte von Jens Söring und Elizabeth Haysom' in die deutschen Kinos. Im November 2019 wurde Jens Söring freigelassen und konnte nach Deutschland zurückkehren.

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Selbst heute, nach so langer Zeit, muss ich immer noch an den Abend denken, an dem ich Elizabeth Roxanne Haysom zum ersten Mal sah. Ich wälze die Erinnerungen hin und her – nach mehr als sechsundzwanzig Jahren im Gefängnis ist mir ja nicht mehr viel geblieben außer ein paar Erinnerungen. Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufschlage und die dicken Gitterstäbe vor meinem Fenster sehe, muss ich an jenen Abend Ende August1984 denken: den Abend, an dem mein Absturz begann.

Komischerweise – traurigerweise – habe ich vor kurzem erfahren, dass dieser letzte Satz gar nicht der Wahrheit entspricht. Denn die Geschichte hat nicht erst an jenem Abend begonnen, als ich Elizabeth zum ersten Mal sah. Nach fast einem Vierteljahrhundert hinter Gittern, nachdem neueDNA-Tests durchgeführt wurden und sogar ein neuer Zeuge aufgetaucht ist – nachdem jetzt alles darauf hindeutet, dass Elizabeth einen Komplizen für den Doppelmord an ihren Eltern hatte –, weiß ich, dass die Geschichte schon früher begonnen haben muss. Seit meinem Prozess vor zweiundzwanzig Jahren hatte ich diesen Verdacht. Aber jetzt weiß ich es sicher; und wahrscheinlich kannte Elizabeth diesen Komplizen schon, bevor wir uns zum ersten Mal trafen.

Diese Geschichte beginnt also ganz und gar nicht an jenem Abend, sondern irgendwann davor, als sie sich mit diesem Komplizen zusammentat. Nach allem, was ich heute weiß, hatten sie den Mord möglicherweise bereits geplant und suchten nur noch nach einem Sündenbock, der einfältig genug war. Und dann tauchte ich auf. Vielleicht war es auch andersherum, und der glückliche Zufall, auf jemanden zu stoßen, der so unglaublich naiv war wie ich, brachte die beiden auf die Idee, den Mord zu planen. Wie es genau abgelaufen ist, werde ich wohl nie erfahren.

Insofern ist der Wendepunkt meines Lebens, der Abend, an dem ich Elizabeth kennenlernte, heute mehr denn je ein Rätsel für mich. Meine eigenen Erinnerungen, die ich immer wieder durchsiebe und nach Hinweisen durchforste, können mir meine dringendste Frage nicht beantworten: Wer hat Elizabeth bei dem Mord an ihren Eltern geholfen?

Aber auch wenn meine Erinnerungen mir an diesem Punkt nicht weiterhelfen können, beantworten sie doch die meisten anderen Fragen. Seit mehr als sechsundzwanzig Jahren ringe ich mit meiner Vergangenheit, versuche ich zu verstehen, was damals passiert ist, jedenfalls aus meiner und natürlich auch aus Elizabeths Perspektive. In diesem Buch habe ich alles zu Papier gebracht, was ich in dem jahrzehntelangen Kampf mit mir selbst und meiner Erinnerung gelernt habe. In der Hoffnung, durch das Schreiben endlich den Sinn hinter alldem zu finden. Und wenn es sonst nichts nützen sollte, so sind es die neuenDNA-Tests und der neue Zeuge doch wert, noch einmal einen Blick auf meine Vergangenheit zu werfen. Auf diese Geschichte, die an einem späten Abend im August1984 beginnt.

 

Über meinem ersten Tag an der University of Virginia brach der Abend herein. Auf dem ganzen Campus, in den alten und neuen Wohnheimen, schien die Luft von dieser erregenden Mischung aus Freude und Beklommenheit zu vibrieren, die wohl alle Studienanfänger bei ihrer Ankunft im College erfüllt. Ein paar Stunden zuvor hatten unsere Mütter ein paar Tränen vergossen, während sie uns beim Auspacken halfen. Unsere Väter hatten uns lange Listen mit Notfall-Telefonnummern überreicht, und wir hatten unsere Eltern mehr oder weniger sanft zu ihren großen Autos geschoben und ihnen nachgew