: Nikolai Gogol
: Die toten Seelen Roman
: S. Fischer Verlag GmbH
: 9783104018157
: Fischer Klassik Plus
: 1
: CHF 4.00
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Auf so eine zynische Idee muss man erst mal kommen: Ein ehemaliger Zolleinnehmer reist durch die russische Provinz und kauft mehreren Gutsbesitzern verstorbene Leibeigene ab, weil diese noch beim Finanzamt eingetragen sind und deshalb als Pfandobjekte an Kreditinstitute verkauft werden können. Auch wenn man sich im Zeitalter der Globalisierung längst an solche Formen des Zynismus gewöhnt hat - Gogols groteske Kritik am kaltblütigen Gewinnstreben hat nichts von ihrer Schärfe verloren.

Nikolai Wassiljewitsch Gogol wurde am 1. April 1809 in Welikije Sorotschinzy (Poltawa), Ukraine, geboren. Der Sohn eines ukrainischen Gutsbesitzers siedelte 1828 nach St. Petersburg über und versuchte sich als Beamter und Lehrer. Mit seinen ersten volkstümlichen Erzählungen 'Abende auf dem Gutshof bei Dikanka' erwarb sich Gogol 1831/32 große Anerkennung. Nachdem 1836 sein Werk 'Der Revisor' erschienen war, reiste Gogol die nächsten Jahre durch Deutschland, Frankreich und Italien. 1842 erschien 'Die toten Seelen', ein Werk, dessen verschiedene Fassungen und Fortsetzungen der pessimistische Autor im Laufe seines Lebens wieder vernichtete, neu schrieb und zuletzt doch wieder vernichtete. 1848 unternahm Gogol eine Pilgerreise nach Jerusalem. Vier Jahre später starb er in Moskau.

Erster Teil


Erstes Kapitel


In den Torweg des Gasthauses der Gouvernementsstadt N. fuhr eine ziemlich hübsche, mit Federn versehene kleine Britschke hinein, ein Wagen von der Art, wie ihn Junggesellen zu benutzen pflegen: Oberstleutnants a.D., Stabskapitäne, Gutsbesitzer, deren Besitz an Bauern nur etwa hundert Seelen beträgt, kurz, lauter Leute, die man Herren zweiten Ranges nennt. In der Britschke saß ein Herr, der nicht gerade schön war, aber auch kein häßliches Äußeres hatte; er war nicht zu dick und nicht zu dünn; man konnte ihn nicht eigentlich alt nennen, indes war er auch nicht allzu jung. Seine Ankunft erregte in der Stadt gar kein Aufsehen und war von keinen besonderen Ereignissen begleitet; nur zwei russische Bauern, die an der Tür der dem Gasthofe gegenüberliegenden Schenke standen, machten ein paar Bemerkungen, die sich übrigens mehr auf den Wagen als auf den Darinsitzenden bezogen. »Sieh mal«, sagte der eine zum andern, »was das für ein Rad ist! Was meinst du, kommt das heil hin, wenn die Reise bis nach Moskau geht, oder nicht?« – »Es wird schon hinkommen«, antwortete der andere. – »Aber nach Kasan, glaube ich, wird es nicht hinkommen?« – »Nein, nach Kasan wohl nicht«, antwortete der andere. Damit schloß das Gespräch. Und außerdem war noch, als die Britschke sich dem Gasthofe näherte, ein junger Mann vorbeigekommen, in weißen, sehr engen, kurzen Leinwandhosen, in einem modernen Frack, der das Chemisett sehen ließ, in welchem eine Tulaer Nadel mit einer kleinen bronzenen Pistole als Kopf steckte. Der junge Mann hatte sich zurückgewandt, die Equipage gemustert, mit der Hand seine Mütze festgehalten, die ihm beinah im Winde wegflog, und dann seinen Weg fortgesetzt.

Als der Wagen auf den Hof fuhr, wurde der Herr von dem Kellner empfangen, einem so lebendigen, beweglichen Menschen, daß man nicht einmal ordentlich erkennen konnte, was er für ein Gesicht hatte. Er kam hurtig mit der Serviette in der Hand herausgelaufen, eine lange Gestalt in einem langen, baumwollenen Oberrocke, dessen Taille fast im Genick saß, schüttelte sich die Haare zurück und führte den Herrn flink nach oben und dort den ganzen hölzernen Korridor entlang, um ihm das Zimmer zu zeigen, das ihm Gott beschieden hatte. Das Zimmer war von der bekannten Art; denn das Gasthaus war ebenfalls von der bekannten Art, d.h. genau so, wie die Gasthäuser in Gouvernementsstädten beschaffen zu sein pflegen, wo die Reisenden für zwei Rubel pro Tag ein ruhiges Zimmer bekommen, ein Zimmer mit Schaben, die wie getrocknete Pflaumen aus allen Winkeln hervorgucken, und mit einer immer durch eine Kommode zugestellten Tür nach dem anstoßenden Zimmer, wo der Nachbar haust, ein schweigsamer, ruhiger, aber außerordentlich neugieriger Mensch, der sich dafür interessiert, die Angelegenheiten eines anderen Reisenden bis auf die geringsten Kleinigkeiten kennenzulernen. Die äußere Fassade des Gasthauses entsprach seinem Innern: sie war sehr lang und hatte zwei Stockwerke; das untere ermangelte des Kalkbewurfes; man hatte an den dunkelroten Ziegelsteinen nichts weiter gemacht, und diese, an sich schon von schmutziger Farbe, waren durch die argen Unbilden der Witterung noch dunkler geworden. Das obere Stockwerk war mit der ewigen gelben Farbe angestrichen; unten befanden sich Läden mit Kumten, Stricken und Lammfellen. In einem dieser Läden, und zwar in einem an der Ecke gelegenen oder, richtiger gesagt, im Fenster hatte sich ein Sbitenverkäufer[*] etabliert, mit einem Samowar aus rotem Kupfer und einem Gesichte, das ebenso rot war wie der Samowar, so daß man aus der Entfernung glauben konnte, es ständen auf dem Fensterbrette zwei Samoware, wenn nicht der eine Samowar einen pechschwarzen Bart gehabt hätte.

Während der angekommene Herr sein