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Gegen Mitternacht hatten sie immer noch in der Küche zusammengesessen, an ihrem Lieblingsplatz, dem runden Tisch mit den beiden Korbstühlen. Sie hatten eine Flasche Wein geöffnet, eine Kerze angezündet und geredet, und eigentlich hätte alles sehr schön sein können. So wie damals, in ihren besten gemeinsamen Zeiten. Aber dann hatte sich ihr Gespräch an einer schon fast vertrauten Stelle festgehakt und von da an nur noch im Kreis gedreht.
Es hatte alles damit angefangen, dass sie Michel, wenn auch etwas verklausuliert, gefragt hatte, was er denn nun vorhabe mit diesem Leben, das ihn nach einer langen Zeit in Südamerika wieder nach Hamburg zurückgeführt hatte. Sie hätte es eigentlich wissen können: Michel hatte sofort gereizt reagiert. Vermutlich hatte er gespürt, dass dahinter die Frage stand, was aus ihnen beiden werden sollte. Er hatte zu einer Brandrede gegen die deutsche Gründlichkeit und Planungswut angesetzt, die ihn schließlich schon einmal, vor zwanzig Jahren, aus diesem Land getrieben hatten. Sie hätte ihn einfach fragen sollen, ob dies auch als Kritik an ihrem Leben gemeint war, dachte Kristina jetzt. Denn ohne Planung und Gründlichkeit hätte sie nichts von dem, worauf sie stolz war, erreichen können. Wie zum Beispiel, dass sie ihr Jurastudium durchgezogen hatte und Anwältin geworden war. Dass ihre kleine Kanzlei in Altona sich über die Jahre einen guten Ruf erarbeitet hatte und sie und Ceyda zuverlässig ernährte. Und dass sie ihre Selbständigkeit immer hatte verteidigen können, auch gegen die verlockenden Angebote einiger Großkanzleien, die Kristina Wolland als begabte Juristin vor ein paar Jahren entdeckt und umworben hatten.
Aber sie hatte ihn nicht gefragt. Stattdessen hatte sie ein paar kritische Anmerkungen über Leute fallenlassen, die um jeden Preis eine Freiheit verteidigten, die man auch ganz einfach «Unverbindlichkeit» nennen könnte. Damit hatte sie Michel erst recht auf die Palme gebracht. «Meinst du mich damit?», hatte er wütend gefragt, war aufgesprungen und auf den Balkon gegangen, um erst mal eine Zigarette zu rauchen. Kristina war ein bisschen erschrocken in der Küche sitzen geblieben. Aber auch nach diesem Intermezzo hatten sie keinen Ausgang aus der unseligen Debatte gefunden.
Kurz nachdem sie gegen Mitternacht müde und resigniert erklärt hatte, sie gehe jetzt ins Bett, klingelte das Telefon. Es war Angie. Dass sie um diese Zeit anrief, war noch nie vorgekommen. Angie besaß weder ein Handy, noch hatte sie einen Festnetzanschluss in ihrer Wohnung. Es klang so, als riefe sie von irgendeiner der wenigen öffentlichen Fernsprechsäulen an, die am Straßenrand standen. Selbst zu dieser späten Stunde hatte sie Mühe, den Lärm der vorbeifahrenden Autos zu übertönen, als sie erklärte: «Sie meinen es ernst. Sie sind hinter mir her. Der einzige Ort, an dem ich jetzt noch sicher sein kann – halbwegs sicher, sage ich dir, halbwegs sicher –, das ist die Klapse. Ich wollte dich fragen, ob du mich hinbringen kannst.»
Kristina ließ sich ihre Überraschung nicht anmerken. «Jetzt sofort?», fragt