: Christopher Golden, Tim Lebbon
: Die geheimen Reisen des Jack London Die Wildnis
: Baumhaus
: 9783838711584
: 1
: CHF 10.80
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: Jugendbücher ab 12 Jahre
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

1897. Auf der Suche nach Gold und Abenteuer reist der junge Jack London in den hohen Norden, in den Yukon, wo Gold in den Flüssen entdeckt wurde. Dort muss Jack feststellen, dass das Gold nicht auf der Straße liegt, und viele Menschen enttäuscht und gebrochen heimkehren - oder einfach elend verenden, mutlos und geschlagen. Aber Jack nimmt seinen ganzen Mut und Grips zusammen, um sich den Herausforderungen des Yukons zu stellen. Er trotzt den Gefahren des Winters und der Wildnis und einer noch größeren Gefahr: Grausame, gewissenlose Männer, die fern von Recht und Ordnung nur ein Gesetz kennen: das Gesetz des Stärkeren. Und dann muss Jack feststellen, dass die finsteren und schaurigen Legenden des hohen Nordens keine Märchen sind. Er begegnet dem entsetzlichen, unvorstellbar Bösen. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod ...

KAPITEL 15 RÜCKKEHR AUS DER WILDNIS (S. 291-292)

Jack wärmte sich die Hände am Feuer, das die Dunkelheit in Schach hielt. Er empfand das Feuer als sauber und reinigend. Die Dunkelheit war zwar erfüllt von den ihm jetzt schon so vertrauten Lauten der Wildnis, doch sie kamen ihm nicht bedrohlich vor. Er hatte sich dem Schlimmsten gestellt, das dieses Land zu bieten hatte, und hatteüberlebt. Dennoch empfand er keinen Triumph. Im Moment empfand er gar nichts. Er war wie ein verletztes Tier, das seine Wunden leckte.

Der Schock hatte ihn immer noch im Griff. Und er hatte viele Wunden. Sobald das Feuer brannte und er sich hinsetzen konnte, untersuchte Jack zum ersten Mal seinen Körper und war erstaunt, was er da alles fand. Seine Hände waren blutig aufgerissen und voller Schrammen und verbeult. Vermutlich hatte er sich einige der Schnitte mit dem eigenen Messer zugefügt, andere stammten von Dornen und abgebrochenen Zweigen. Er verbrachte eine ganze Weile damit, im flackernden Feuerschein die Splitter unter seiner Haut zu entfernen, die teilweise so lang wie sein halber Finger waren.

Der Schmerz war scharf und schneidend, und er versuchte gar nicht erst, sein Aufstöhnen zu unterdrücken. Eine Gesichtshälfte war voller Grind und Schorf, und noch nie in seinem Leben hatte er sich so sehr einen Spiegel gewünscht. Er konnte die Wunden unter den Händen spüren, aber wie sie auf seinem wohlvertrauten Gesicht aussahen– so jung, stürmisch, zuversichtlich– konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Seine Haut fühlte sich so vielälter an, sein Gesicht war bestimmt auch gealtert. An Armen und Beinen hatte erüberall blaue Flecken, drei Zehen an seinem linken Fuß verfärbten sich dunkel, fast alle Zehennägel waren ihm ausgefallen.

Sein Magen rumorte. Seine Rippen taten weh, wahrscheinlich waren ein paar gebrochen. Er hustete sich in die Hand und untersuchte die Spucke lange im Feuerschein, bis er sich vergewissert hatte, dass kein Blut darin war. Der Mond tauchte am Himmel auf und die Sterne erschienen. Jack begann, den Schock abzuschütteln. Er wickelte sich in die Decken, die er im zerstörten Lager gefunden und notdürftig am Feuer getrocknet hatte, und war sich ganz sicher, dass er jetzt niemals einschlafen könnte.

Doch schon Augenblicke später schlummerte er ein, den Kopf auf den Satteltaschen voll Gold. Und als ob das sagenumwobene gelbe Metall ihn bis in seine Träume verfolgte, sah er sich bald darauf in besseren Tagen wieder. Ihm war bewusst, dass er träumte. Dennoch hatte er keine Kontrolleüber die Bilder, die ihn durch den Schlaf begleiteten. Es waren Erinnerungen an seine Vergangenheit. Verletzt und blutend hier im wilden hohen Norden, erkannte er einige der Schlüsselmomente seines Lebens wieder:

Er ging zu Fuß die Landstraße entlang, streckte den Daumen heraus, um mitgenommen zu werden, und erkundete Amerika von ganz unten. Er war arm, aber glücklich. Er hatte wenig, doch es fehlte ihm an nichts, und jedes Gefährt, das anhielt, um ihn mitzunehmen, verhieß ein neues Abenteuer. In seinen Träumen begegneten ihm so einige harte Kerle, manche davon waren sogar richtig grausam und fies, doch am Ende stand Jack immer ein bisschenälter und klüger da und wusste wieder etwas mehrüber die Menschen und sich selbst. Es ging ums Erwachsenwerden.