Kapitel 12
Nur ein paar Zehnermeter weiter scharte der amtlich geprüfte Stadtgästeführer Eckard Mais seine Gruppe um sich.„Wir befinden uns jetzt auf dem Marktplatz, genauer gesagt, auf dem Unteren Markt, dem eigentlichen grünen Markt. Zunächst beachten Sie bitte den Obelisken mit dem Marktbrunnen– leider ohne laufendes Wasser, weil die Stadt sich das nicht mehr leisten kann. Der vierzehn Meter hohe, streng klassizistische Obelisk ist Ausdruck einer zeitgenössischenÄgyptenschwärmerei, die Napoleon von seinen Feldzügen ins Pharaonenland mitgebracht hat. Der Obelisk nach Plänen von Andreas Gärtner symbolisiert den Machtwechsel von 1802/03. Die Entwürfe zu den Figurenreliefs auf den Postamenten der Nord- und Südseite stammen von Martin von Wagner 1808. Die zweimal zwei Figuren zeigen Horen, griechische Göttinnen der Jahreszeiten und sittlichen Ordnung. Hinter mir sehen Sie eine gotische Kirche mit respektablen Dimensionen, die jedoch Marien-Kapelle genannt wird. Zwischen den Pfeilern sehen Sie Apostelfiguren. Den seitlichen Eingang, der aber traditionell der Haupteingang ist, flankieren die Riemenschneiderfiguren Adam und Eva. Um sie vor den Witterungs- und anderen Umwelteinflüssen zu schützen, hat man die Originale im Mainfränkischen Museum auf der Festung Marienberg untergebracht. Was wir hier vor uns haben, sind halbwegs gelungene Repliken. Was auf diesem Marktplatz jedochüberhaupt nicht gelungen ist, ist dieser Glas- und Stahlbauüber den permanenten Marktbuden. Er zerschlägt jede Harmonie, stört jegliche Blickachse und wird– abgesehen von unserem Herrn Stadtbaurat– von jedermann als häßlich,überflüssig und als teures Krebsgeschwür betrachtet. Der Würzburger Kunsthistoriker Professor Dr. Stefan Kummer kritisierte unter anderem die‚kompakte Masse’ dieser offenen Markthalle mit ihrer‚sichtverstellenden Transparenz’. Ich zitiere weiter:‚Oft ist der persönliche Geschmack der tonangebenden Persönlichkeiten von Ausschlag gewesen’. Meine Damen und Herren, in dieser Stadt mißlang und mißlingt so vieles Architektonisches– es ist eine Katastrophe!“
Eckard Mais redete sich in Rage. Er zog nochüber andere verunstaltete Bauten und verschiedene Genehmigungen von Bauvorhaben her, die ihm als Kunsthistoriker mißfielen. Am Stadtbaurat ließ er kein gutes Haar.„Und dann die Kungelei! Die Stadtsparkasse darf bauen, wie sie will. Die katholische Kirche, die enorme Flächen, sprich Gebäude, in der Innenstadt besitzt, darf bauen, wie sie will. Die Stadt selbst läßt ihre Stadtwerke sich austoben, wie sie wollen. Aber der normale Bürger oder Geschäftsmann wird gegängelt. Jede Dachgaube, jedes Hinweisschild oder jede Reklametafel, muß genehmigt werden und kostet Gebühr. Da redet jeder Amtsheini wichtigtuerisch hinein. Wer zwei Tische als‚Terrasse’ auf den Gehweg stellen will, muß bittstellerisch auf Amtsstuben laufen, auf Genehmigung hoffen und darf dann jährlich Gebühren bezahlen. Wenn ein Buchladen schließt und ein Stehcafé in den Räumen aufmachen will, muß es Parkplätze ablösen, weil das eine Nutzungsänderung ist. Also, allein der Wechsel vom Buchladen zum Stehcafé erfordert neue Parkplätze. Man stelle sich vor, in zwei Geschäften direkt nebeneinander sind ein Buchladen und ein Stehcafé und beide schließen, und im Buchladen will jemand ein Stehcafé aufmachen und im ehemaligen Stehcafé soll zukünftig ein Buchladen sein, dann müßten beide plötzlich Parkplätze herbeizaubern, obwohl es die in der Fußgängerzone natürlich nicht geben kann, sonst wäre es ja auch keine Fußgängerzone. Oh, unsere Stadtfürsten!“ Eckard Mais war in Fahrt.
Er beruhigte sich erst wieder, als er sich anschickte, mit seiner Gruppe die Marienkapalle zu betreten.„Bevor wir die Marienkapelle betreten, erläutere ich Ihnen zunächst die Einzelheiten des Seitenportals. In erster Linie sind es die beiden Steinskulpturen von Adam und Eva, die der Würzburger Bildhauer Tilmann Riemenschneider geschaffen hat. Im November 1490 beschloß der Stadtrat, die dort stehenden, etwas derben Figuren des ersten Menschenpaares ins Innere der Kirche zu versetzen und ein neues Paar von‚Meister Tyln zirlichen haun zu lassen’. Da Riemenschneider aber mit Arbeit stark eingedeckt war, verzögerte sich der geplante Aufstellungstermin, der für Juli 1492 vorgesehen war. Schnell und flexibel wie Stadträte früher offensichtlich auch schon waren, debattierte das Gremium im darauffolgenden Dezember (!), ob Adam mit oder ohne Bart dargestellt werden solle. Wie Sie sehen, trägt unser Stammvater keinen Bart. Am September 1493 war Riemenschneider fertig und erhielt statt der vereinbarten hundert Gulden sogar hundertzwanzig, weil Adam und Eva so‚meysterlich künstlich zittlich und ehrlich gemacht’ seien.“
Vom Sonnenlicht hinein ins Dunkel der Marienkapelle: Natürlich zeigte Eckard Mais den Gästen auch die Gedenktafel zu Ehren von Balthasa