1. KAPITEL
Emily erkannte ihn sofort. Nicht nur deshalb, weil sein Vater ihn so gut beschrieben hatte, sondern weil er deutlich aus der wartenden Menge am Venizelos-Flughafen von Athen herausstach. Kein Wunder bei einer Körpergröße von über einem Meter achtzig, einer auffallend männlichen Figur und einem Gesicht, das dem eines gefallenen Engels glich. Ein Blick genügte, um ihn als den Typ Mann zu identifizieren, der bei Frauen heiß begehrt war.
Wie auf Zuruf trafen sich ihre Blicke und hielten einander scheinbar eine Ewigkeit fest. Zumindest lange genug, um ihre Wangen zum Glühen zu bringen. Dann nickte er kurz, als wäre er sich seiner Wirkung auf sie deutlich bewusst, und kam auf sie zu.
Erst jetzt konnte sie seine gesamte Gestalt sehen: die schmalen Hüften, die in engen Jeans steckten, die schwarze Lederjacke über den breiten Schultern und den starken Kontrast zwischen seiner sonnengebräunten Haut und dem strahlend weißen Hemd. Während er näher kam, bemerkte sie auch seinen markanten Kiefer und den Dreitagebart.
Als er sie erreicht hatte, blieb er vor dem Rollstuhl ihres Begleiters stehen und sagte mit wohlklingend tiefer Stimme: „Entgegen aller Voraussicht hast du es also heil zurückgeschafft. Wie war der Flug?“
„Lang“, erwiderte Pavlos, der alte Mann an Emilys Seite, und klang genauso erschöpft, wie er sich fühlen musste. Nicht einmal die Schmerzmittel, die er sich in der komfortablen Ersten Klasse hatte geben lassen, konnten seine Leiden mindern. „Sehr lang. Aber wie du siehst, habe ich meinen Schutzengel dabei.“ Damit griff er nach ihrer Hand und drückte sie freundschaftlich. „Emily, meine Liebe, ich freue mich, dir meinen Sohn Nikolaos vorstellen zu können. Niko, dies ist meine Krankenschwester Emily Tyler. Ich mag mir nicht vorstellen, was ich ohne sie getan hätte.“
Erneut ruhte Nikolaos Leonidas’ Blick auf ihr, und auf seinem Gesicht spiegelten sich gleichermaßen Bewunderung und Arroganz wider. „Yiasu, Emily Tyler“, begrüßte er sie.
Obwohl ihre lange Hose und der Pullover Emilys Figur vollständig verdeckten, fühlte sie sich unter seiner interessierten Musterung fast nackt. Seine Augen waren nicht braun, wie die seines Vaters, sondern eher dunkelgrün und hatten einen ungeheuer intensiven Ausdruck.
Sie schluckte ein paarmal trocken. „Yiasu“, brachte sie mühsam heraus.
„Sie sprechen ein wenig Griechisch?“
„Ganz wenig“, bestätigte sie bescheiden. „Das gerade eben umfasst praktisch mein vollständiges Vokabular.“
„Habe ich mir fast gedacht.“
Dieser Kommentar hätte abwertend geklungen, wenn er nicht von einem breiten, charmanten Lächeln begleitet worden wäre, das Emilys Knie weich werden ließ.Was war bloß los mit ihr? Mit ihren siebenundzwanzig Jahren hielten sich ihre erotischen Erfahrungen zwar in Grenzen, dennoch würde sie sich nicht als völlig unschuldig bezeichnen. Für sie zählten keine Äußerlichkeiten, sondern die inneren Werte, und in dieser Hinsicht schien Nikolaos Leonidas nur wenig bieten zu können.
Das Verhalten seinem Vater gegenüber bestätigte diesen Eindruck nur noch. Er machte keinerlei Anstalten, den alten Mann zu umarmen oder auf irgendeine Art zu berühren, die einem Vater-Sohn-Verhältnis angemessen wäre. Stattdessen kommandierte er einen Flughafenangestellten herbei, der sich um den überladenen Gepäckwagen kümmern sollte.
„Nachdem wir die Formalitäten hinter uns gebracht haben, sollten wir uns auf den Weg machen“, schloss Nikolaos knapp und ging zielstrebig voran in Richtung Ausgang. Emily und Pavlos folgten ihm schweigend.
Erst als sie den bereitstehenden Mercedes erreicht hatten, zeigte Nikolaos die erste Spur von Mitgefühl. „Nicht!“, protestierte er und hielt Emily davon ab, dem alten Mann aus dem Rollstuhl zu helfen. Überraschend behutsam hob er seinen Vater auf den Arm, setzte ihn auf der Rückbank des Wagens ab und breitete eine Decke über seine Beine.
„Das hättest du nicht tun müssen“, blaffte Pavlos und versuchte, sich seine Schmerzen nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.
Ruhig betrachtete Nikolaos das verzerrte Gesicht seines Vaters. „Scheinbar doch. Oder hätte ich vielleicht daneben stehen sollen, wenn du einfach auf die Nase fällst?“
„Mir ist es lieber, ich stehe auf meinen eigenen Beinen – ohne fremde Hilfe.“
„Dann hättest du eben besser auf dich aufpassen müssen, als du fort warst“, antwortete Nikolaos ungerührt. „Oder besser gleich zu Hause bleiben sollen, anstatt vor deinem Ableben noch Alaska einen Besuch abzustatten.“
Am liebsten hätte Emily diesem unmöglichen Kerl einen Tritt vor das Schienenbein versetzt, aber sie begnügte sich mit einem vernichtenden Blick. „Unfälle geschehen eben, Mr. Leonidas“, sagte sie scharf.