: Ines Thorn
: Totenreich Historischer Kriminalroman
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644438613
: Die Verbrechen von Frankfurt
: 1
: CHF 7.50
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Heilkraft des Todes Unheilvolle Dinge ereignen sich im Frankfurt des frühen Jahres 1533: Dreimal findet Pater Nau nach der Beichte blutiges Frauenhaar im Beichtstuhl. Dann wird am Mainufer die Leiche einer schwangeren Frau gefunden - ausgeweidet, vom Ungeborenen fehlt jede Spur. Und weitere Schwangere werden vermisst. Pater Nau gerät unter Verdacht. Nur die Richterswitwe Gustelies und ihre Tochter Hella glauben an seine Unschuld und beschließen, selbst zu ermitteln. Doch Hella begibt sich damit in höchste Gefahr, denn auch sie erwartet ein Kind ...

Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Nordhessen und schreibt seit Langem erfolgreich historische Romane.

Kapitel2


Hella nahm die Teller vom Wandbord der Pfarrhausküche und verteilte sie auf dem Tisch, während Gustelies im Kupferkessel rührte und Heinz die Stiege nach oben zu Pater Naus Studierstube stieg. Er klopfte höflich, doch als von drinnen nichts zu hören war, öffnete er die Tür. Er sah den Pater mit gebeugtem Rücken an seinem Schreibpult stehen. «Zweites Buch der Makkabäer, Kapitel sieben, Vers sieben und acht», hörte er ihn murmeln.

«Bernhard, das Essen ist fertig», sagte er leise, doch Pater Nau schaute nicht einmal auf, sondern murmelte weiter vor sich hin: «Als der Erste so aus dem Leben geschieden war, führten sie den Zweiten auch hin, um ihren Mutwillen mit ihm zu treiben; und sie zogen ihm vom Kopf Haut und Haar ab und fragten ihn, ob er Saufleisch essen wollte oder den ganzen Leib Glied für Glied martern lassen.

Er aber antwortete in seiner Sprache und sagte: Ich will’s nicht tun.

Daher marterten sie ihn weiter wie den Ersten.»

«Bernhard!» Heinz Blettner sprach ein wenig lauter. «Was tust du da? Gustelies hat das Essen fertig. Es gibt einen Schmortopf.»

«Was?» Der Pater schreckte hoch. «Was hast du gesagt?»

«Das Essen ist fertig. Was, zum Himmel, tust du da?»

«Ich?»

«Ja. Du. Oder ist sonst noch jemand hier?»

Der Pater sah sich in seiner Stube um. «Nein, hier ist niemand. Gottlob.»

«Was hast du gemacht?»

Pater Nau spitzte die Lippen und stieß die Luft pfeifend hervor. «Ich bereite meine nächste Predigt vor. Was denn sonst? Schließlich bin ich dafür zuständig.»

«Eine Predigt, in der es darum geht, einem anderen die Kopfhaut samt Haaren abzuziehen?»

Pater Nau nickte eifrig. «Jawohl. Siehst du, mein Sohn, die Bibel besteht aus Gleichnissen. Das Gleichnis mit der Kopfhaut hat also eine Bedeutung. Und diese versuche ich zu ergründen.»

«Aha. Der Schmortopf wartet», entgegnete der Richter und wandte sich ab. «Kommst du?»

Pater Nau erhob sich. «Ja, ja, gleich. Vorher will ich dich noch fragen, was du für eine Bedeutung hinter diesem Gleichnis vermutest.»

Heinz Blettner blickte den Onkel seiner Frau verblüfft an. «Seit wann fragst du mich so etwas? Ist Bruder Göck etwa krank?»

Pater Nau winkte ab. «Ach, weißt du, mein Sohn, mit Bruder Göck kann man hervorragend theologisch disputieren. Von Gleichnissen versteht er nichts. Er lebt in einem Kloster.»

Das leuchtete dem Richter ein. «Was ist mit Samson und Delilah. Waren da nicht auch Haare im Spiel?», fragte er.

«Ha! Das ist gut. Sehr gut sogar. Dem werde ich nachgehen. Gleich nach dem Essen.» Der Pater rieb sich die Hände. «Und jetzt lass uns runtergehen. Oder weißt du zufällig, welche Bibelstelle mit den Worten: ‹Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleib an› beginnt?»

«Nein, weiß ich nicht. Für die Bibel bist du zuständig. Aber untersteh dich, Hella nach dieser Stelle zu fragen.»

«Warum?» Pater Nau kratzte sich am Kinn.

«Weil sie schwanger ist und vom Sterben bei der Geburt im Augenblick bestimmt nichts wissen will.»

«Das verstehe ich.» Pater Nau nickte. «Diese Art von Reue trifft die meisten ohneh