Der erste Tag
O Fortuna
rasch wie Luna
wechselhaft und wandelbar,
ewig steigend
und sich neigend:
Fluch der Unrast immerdar!
Eitle Spiele,
keine Ziele,
also trügst den klaren Sinn;
Not, Entbehren,
Macht und Ehren
schwinden wie der Schnee dahin.
2Die Ankunft des Helden
Den morgendlichen Dunst über dem Rhein durchdrang die Sonne, und ihr Licht spielte neckisch auf den kleinen Wellen der Strömung. Wir warteten auf die Fähre nach Langel, die sich an ihrer langen Kette gemächlich über den Fluss schwang.
»Ziemlich mickrig, die Burg da drüben!«, murrte Ismael neben mir.
»Wird sich zeigen. Du bist anspruchsvoll geworden, mein Junge.«
Er grinste, und drei Wäschermädchen blieben stehen, um ihn mit bewundernden Blicken anzustarren.
Ismaels Gesicht war das eines gefallenen Engels, der sich beim Aufprall auf dem irdischen Boden einen Schneidezahn angeschlagen hatte.
Dieser kleine Makel verlieh ihm einen besonderen Zauber. Seine Wangen, fast bartlos noch, waren tief gebräunt, seine Augen dunkel, sein Haar glänzte schwarz und fiel ihm glatt auf die Schultern. Die würden vielleicht mit den Jahren noch etwas breiter werden, denn er hatte eben siebzehn Lenze gesehen. Abwechslungsreiche Lenze, die ihn klüger als manchen Älteren hatten werden lassen.
Er war so etwas wie mein Diener, Begleiter, Schutzbefohlener oder vielleicht auch mein dunkler Engel. Jetzt hielt er unsere Pferde im Zaum und warf den Wäscherinnen freche Scherzworte zu.
Neben uns versammelten sich weitere Gestalten, die zum anderen Ufer übersetzen wollten. Die Fähre war groß genug, um auch Wagen und Tiere aufzunehmen, und das Entladen brauchte seine Zeit. Ein magerer Kerl mit stechenden Augen drängte sich an unseren Rössern vorbei, eine Krämerin zeterte, weil er ihre Kiepe angerempelt hatte, ein behäbiger Handwerker wich ihm aus und trat einem Bierkutscher auf den Fuß. Dessen Kommentar war lehrreich für uns alle.
Endlich konnten auch wir unsere Pferde auf die hölzernen Bohlen der Fähre führen. Ismael entrichtete den Lohn aus seinem Beutel, und das Gefährt machte sich, von der Strömung getrieben, auf seinen beschaulichen Weg zum linken Rheinufer auf.
Unsere Tiere waren ausgezeichnet ausgebildet, sie zeigten keine Aufregung, selbst als der magere Mann sich ihnen näherte.
Ich blieb ebenso gelassen, doch als ich seine Hand an meinem Gürtel bemerkte – eine windhauchzarte Berührung nur -, erlaubte ich mir, sie zu fassen, ihm das Gelenk umzudrehen und ihn auf die Knie zu zwingen.
Er stöhnte gepeinigt auf. Gut so; ich wusste, was wehtat. Freundlich lächelte ich ihn an.
»Ein Beutelschneider!«
»Aber nein, Herr«, winselte der Magere. »Es war nur das Schwanken der Fähre.«
Doch die Aufmerksamkeit der anderen Passagiere war geweckt, und ein jeder tastete nach seiner Barschaft. Die Krämerin, der Handwerker und der Bierkutscher hatten daraufhin nichts dagegen, dass ich den Kerl in den Fluss warf.
Der Fährmann zuckte mit den Schultern, als ein Pfaffe zu protestieren begann.