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DasBroward County Jail ist ein schmuckloser Zweckbau, der knapp drei Kilometer vom Stadtzentrum von Fort Lauderdale entfernt direkt amIntracoastal Waterway liegt. Diese Wasserstraße zieht sich, wenige Kilometer von der Küste entfernt, durch ganz Florida. Vor dem Gefängnisgebäude dümpeln die Yachten der Langzeiturlauber auf dem Wasser, rundherum stehen Apartmenthäuser, deren Bewohner auf ihren Balkonen die Sonne Floridas genießen.
Die Gesichter, die hinter den schmalen Glasscheiben des Gefängnisses gelegentlich auftauchen, sind bleich. Statt Fenstern gibt es nur hohe, mit Drahtglas versehene Schlitze, die so schmal sind, dass sich kein menschlicher Körper hindurchzwängen könnte. Das gibt dem Gebäude von außen die Anmutung eines Bunkers. Von innen sind diese Sehschlitze mit schräg angewinkelten, erkerförmigen Vorbauten versehen. Man kann nicht direkt an die Glasscheiben herantreten. Wenn man überhaupt einen Blick nach draußen erhascht, sieht man vor allem die Fassade des Baus, in dem man sich befindet.
Betrachtet man das Gebäude von oben – was dankGoogle map ohne weiteres möglich ist –, ähnelt seine Form einem in die Breite gezogenen Ypsilon. Während der Fuß dieses Ypsilons und die langen Schenkel des Gebäudekomplexes direkt an die umliegenden Straßen grenzen, erfolgt die Einlieferung der Gefangenen von der Innenseite. Aus der Vogelperspektive ist auch zu erkennen, dass es für die über 1500 Männer, die imBroward County Jail eingesperrt sind, keine nennenswerte Freifläche und keinen Sportplatz gibt.
Den Alltag in diesem Gebäude begann ich am ersten Tag nach meiner Inhaftierung kennenzulernen. Ich wurde geweckt, weil meine Zellentür mit einem lauten Knall aufsprang. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Ein schwarzerguard reichte mir etwas in die Zelle. Wahrscheinlich sollte dies das Frühstück sein: ein Bagel und ein Plastikschlauch mit einer roten Flüssigkeit. Ich hatte schon seit vielen Stunden nichts mehr gegessen, aber ich bekam keinen Bissen hinunter. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis das nächste Mal einguard kam, mir Handschellen anlegte und mir befahl mitzukommen. Die schwache Hoffnung, dass sich alles als Irrtum herausgestellt hatte und man mich freilassen würde, währte nicht lange. Ich wurde nur in einen anderen Teil des Gebäudes gebracht. Mit dem Lift ging es in den sechsten Stock.
Diesmal sperrten sie mich in eine Zwei-Mann-Zelle zu einem wortkargen Schwarzen, der Wladimir oder so ähnlich hieß. Ganz hatte ich seinen Namen nicht verstanden. In dem höchstens sechs oder sieben Quadratmeter großen Raum standen ein Etagenbett, die mir schon bekannte Edelstahlkombination von Toilette und Waschbecken und ein winziger Schreibtisch. Wladimir hatte seine Sachen darauf ausgebreitet. Über dem Tisch hingen mehrere Grußpostkarten: zu Weihnachten, zum Geburtstag, zu Weihnachten und zum Geburtstag aus dem Jahr davor und so weiter. Dieses scheinbar harmlose private Arrangement schockierte mich: Mein Zellengenosse saß hier offenbar schon seit Jahren. Und ich wollte in spätestens ein oder zwei Tagen wieder draußen sein! Die Toilette musste ich in Anwesenheit meinesroommate benutzen. Unser Raum war zudem für dieguards durch Glasscheiben einsehbar.
Als ich die Zelle zum ersten Mal verlassen konnte, begann ich die Architektur dieser Haftanstalt etwas zu verstehen. Wir befanden uns in einer von zahllosenunits, die sich wabenförmig aneinanderreihten. Unsere Zwei-Mann-Zellen lagen an der Außenwand des Gebäudes und gruppierten sich in zwei Etagen um einen größeren Gemeinschaftsraum, der vor allem als Esssaal benutzt wurde. Außerdem gab es hier einen Fernseher und mehrere Telefonautomaten. Aber man brauchte, um di