Erstes Kapitel
Leipzig, im Jahr 1503
Priska riss den Mund auf. Sie wollte schreien, doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken! Wie erstarrt stand sie in der Mauernische und sah mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen auf das, was wenige Meter vor ihr geschah!
Ihre Meisterin, die Silberschmiedin Eva, wurde von einem Mann, dessen Gesicht mit einer silbernen Maske bedeckt war, überfallen. Er stieß die Meisterin zu Boden, Eva fiel, im Fallen verschob sich der Rock und entblößte ihre weißen Schenkel. Priska wollte hin, wollte der Meisterin helfen, doch ihre Füße gehorchten ihr nicht. Sosehr sie es auch versuchte, sie konnte sich nicht bewegen.
Der Mann mit der silbernen Maske hatte plötzlich einen schweren Stein in der Hand und holte aus, um Evas Gesicht zu zertrümmern. Die Meisterin krächzte und bedeckte mit beiden Armen das Gesicht.
Immer noch gelähmt vor Schreck, starrte Priska auf den Mann, wartete darauf, dass er den ersten Schlag führte. Ihre Knie wurden weich, und sie musste sich an der Mauer halten, um nicht umzusinken. Ihr Blick hing an dem Mann, der noch immer den Arm erhoben hatte. Priska schloss die Augen!
Doch sie hörte keinen Schrei, keinen Schlag. Nichts. Sie blinzelte, starrte auf den Mann und die Meisterin.
Der Mann öffnete den Mund. Priska hörte seine Worte: «Ich kann es nicht! Auch wenn es meinen eigenen Tod bedeutet, ich kann dich nicht töten.»
Und leiser, unhörbar fast: «Ich liebe dich, Eva. Ich habe dich immer geliebt.»
Sie sah, wie er die Finger der rechten Hand an seine Lippen führte, einen Kuss darauf hauchte und ihn Eva zuwarf. Dann ließ er den Stein einfach fallen, wandte sich um und lief weg.
Mit einem Wimmern sank Priska an der Hauswand hinab. Wie durch einen Nebel sah sie, dass Johann von Schleußig, der Priester, gerannt kam, der Meisterin aufhalf, ihr seinen Umhang über die Schultern legte und die Silberschmiedin mehr davontrug, als dass sie selbst lief.
Priska aber war noch immer unfähig, sich zu bewegen. Der Mann mit der silbernen Maske. Sie hatte ihn gleich erkannt. Es war David, Evas Ehemann und Meister der Silberschmiede, in der sie als Lehrmädchen tätig war.
Ihr Herz schlug in wildem Galopp. Der Meister hatte die Meisterin töten wollen! So, wie er einst den reichen Kaufmann und Nebenbuhler Andreas Mattstedt getötet hatte. Der Meister war ein Mörder und die Meisterin nur mit dem Leben davongekommen, weil es auch in dem Mörderherzen so etwas wie Liebe gab. Vorsichtig spähte sie die Gasse hinunter. Sie hörte von weitem Musik, Gelächter, Spottlieder und zotige Scherze. Es war Fastnacht, und ganz Leipzig war auf den Beinen. In der Nähe kreischte eine Frau auf, als hätte sie jemand in den Hintern oder in die Brüste gekniffen, dann erklang ein derbes Lied. Einer stimmte an, die anderen fielen ein, und schon schallte es bis zu Priskas Ohren:
«Herr Wirt, uns dürstet allen sehr:
Trag auf den W