: Mario Puzo
: Der Sizilianer
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644403413
: 1
: CHF 10.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im Fadenkreuz der Mafia Sizilien 1950: Die Zeit des Exils auf Sizilien neigt sich für Michael Corleone dem Ende zu. Sein Vater, der mächtige Don, hat ihn beauftragt, den jungen sizilianischen Mafioso Salvatore Giuliano nach Amerika zu begleiten. Für das sizilianische Volk ist Giuliano ein Held, doch mit seinem Kampf gegen die korrupte Regierung in Rom hat er sich einflussreiche Feinde geschaffen. Nicht nur die Polizei ist ihm auf den Fersen, sondern auch der mächtige Mafiaboss Don Croce. Wird es Michael gelingen, den Auftrag seines Vaters auszuführen?

Mario Puzo wurde 1920 als Sohn armer italienischer Einwanderer in New York geboren. Seine Mafiaromane machten ihn weltberühmt. Er starb 1999 auf Long Island.

Zweites Kapitel


Im September 1943 war Hector Adonis Professor für Geschichte und Literatur an der Universität Palermo. Sein extrem kleiner Wuchs verführte seine Kollegen dazu, ihn mit weniger Respekt zu behandeln, als seine Begabung es verdiente. Doch im sizilianischen Kulturkreis, in dem die meisten Spitznamen brutal auf körperlichen Mängeln fußten, war das nicht anders zu erwarten. Der einzige Mensch, der den wahren Wert des Professors erkannte, war der Rektor seiner Universität.

In diesem September 1943 sollte sich Hector Adonis’ Leben verändern. Für Süditalien war der Krieg vorbei. Die Amerikaner hatten Sizilien erobert und waren aufs Festland weitergezogen. Der Faschismus war tot, Italien wiedergeboren; zum ersten Mal seit vierzehn Jahrhunderten hatte die Insel Sizilien keinen richtigen Herrn. Doch Hector Adonis, der die Ironie der Geschichte kannte, hegte keine großen Hoffnungen. Denn schon hatte die Mafia begonnen, die Rechtsherrschaft über Sizilien an sich zu reißen. Ihre krebsartig wuchernde Macht würde sich als ebenso tödlich erweisen wie die irgendeines Staates. Sein Bürofenster bot ihm den Blick auf das Gelände der Universität mit seinen wenigen Gebäuden.

Dormitorien waren unnötig, denn hier gab es kein Collegeleben wie in England und Amerika. Hier lernten die meisten Studenten zu Hause und konsultierten ihre Professoren in festgelegten Zeitabständen. Die Professoren hielten Vorlesungen, die die Studenten ungestraft schwänzen konnten. Sie brauchten nur ihr Examen abzulegen. Es war ein System, das Hector Adonis ganz allgemein für eine Schande und im Besonderen deshalb für töricht hielt, weil es sich um Sizilianer handelte, die, wie er meinte, eine noch strengere pädagogische Disziplin benötigten als die Studenten anderer Länder.

Von seinem bleiverglasten Fenster aus beobachtete er jedes Semester aufs Neue die Anreise der Mafiachefs aller sizilianischen Provinzen, die den Universitätsprofessoren ihre Lobby-Besuche abstatteten. Unter der Faschistenherrschaft waren die Mafiachefs vorsichtiger, bescheidener gewesen; jetzt, unter der segensreichen, durch die Amerikaner eingeführten Demokratie, waren sie wiederaufgetaucht wie Regenwürmer, die sich durch die aufgeweichte Erde emporarbeiten, und hatten ihren alten Stil angenommen. Keine Rede mehr von Bescheidenheit.

Die Mafiachefs, die «Freunde der Freunde», Führer der kleinen, lokalen Clans in den zahlreichen Dörfern Siziliens, kamen im Festtagsstaat, um sich für Studenten einzusetzen, die mit ihnen verwandt waren, oder für Söhne reicher Grundbesitzer oder für Söhne von Freunden, die in ihren Studienfächern an der Universität versagt hatten und keinen akademischen Grad erlangen würden, wenn niemand energisch eingriff. Diese akademischen Grade waren von größter Wichtigkeit. Wie sonst sollten die Familien die Söhne loswerden, die keinen Ehrgeiz besaßen, keinerlei Talent,