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Der Hufschlag von mindestens einem halben Dutzend Pferden und das Rattern von eisenbeschlagenen Wagenrädern drangen vom Ende der lang gezogenen Allee zum LandgutErlenhof herauf. Was als schwaches, dumpfes Trommeln in der Ferne jenseits der nebelverhangenen Hügel begann, schwoll innerhalb weniger Augenblicke zu einem immer lauter werdenden Galopp der Bedrohung an.
Elmar Gramisch, der stämmige und an den Schläfen allmählich schon grau werdende Verwalter des bescheidenen Gutes im oberen Ilztal, war mit einem Satz am Fenster des Krankenzimmers seiner Herrin. Angestrengt starrte er in die neblig feuchte Abenddämmerung hinaus und versuchte zu erkennen, wer sich da dem Gutshof in fliegendem Galopp näherte – und in welcher Mannesstärke. Der rasende Hufschlag so vieler Pferde signalisierte Gefahr. Dennoch hoffte er wider alle Vernunft, dass sich in den nächsten Augenblicken nicht als wahr herausstellte, was das anonyme Warnschreiben an drohendem Unheil angekündigt hatte.
Ein Bote aus Passau hatte den Brief mit der alarmierenden Nachricht erst vor wenigen Minuten aufErlenhof abgegeben. Wem Gisa von Berbeck, die todsieche Herrin des Landgutes, die Warnung verdankte, ließ sich nicht feststellen. Ihr Verfasser hatte sich weder im Text noch am Ende der sichtlich hastig niedergeschriebenen Zeilen zu erkennen gegeben. Auch hatte sich im rotbraunen Lack, mit dem das Schreiben verschlossen gewesen war, kein Abdruck einer Petschaft, eines Siegelrings gefunden. Und der unscheinbare jugendliche Bote, der zweifellos zum einfachen Passauer Stadtvolk gehörte, hatte ebenso wenig zu sagen gewusst, von wem genau das Schreiben stammte. Er war für seine Dienste gut bezahlt worden und hatte nicht lange gefragt, wer seinen Meister damit beauftragt hatte, ihn den Brief so schnell wie möglich nachErlenhof im oberen Ilztal bringen zu lassen.
»Wer ist es? … Was seht Ihr, Elmar? … Müssen wir wirklich mit dem Schlimmsten rechnen?« Die kraftlose Stimme der Gutsherrin Gisa von Berbeck zitterte vor Anspannung.
»Ja, ich fürchte, das müssen wir! … Und da sind sie schon!«, rief Elmar Gramisch bestürzt, als die länger werdenden Schatten zwischen den alten, knorrigen Bäumen im nächsten Moment den Blick auf eine Gruppe Reiter und eine Kutsche freigaben, die von einem Vierergespann fast schneeweißer Schimmel gezogen wurde. »Das muss die Kutsche des Domherrn sein! Und er hat sieben … nein, acht bewaffnete Dienstmänner in seinem Gefolge!«
»Barmherzige Muttergottes! Es stimmt also, was hier in dem Brief geschrieben steht! Tassilo schreckt offenbar wirklich nicht davor zurück, sich jetzt auch noch an dem Jungen zu vergreifen! Schnell, den Brief! Werft ihn ins Feuer! Wer immer ihn geschrieben hat, seine Warnung darf hier nicht gefunden werden!«
Elmar Gramisch fuhr vom Fenster herum und trat schnell wieder zu seiner Herrin, die seit Monaten an das Krankenbett gefesselt war. Der unabwendbar nahende Tod