I
Mord schert sich nicht um Traditionen. Er ignoriert Emotionen. Und macht keine Ferien.
Weil Mord ihr Beruf war, stand Lieutenant Eve Dallas am frühen Morgen des ersten Weihnachtstages draußen in der Kälte und bestrich die Wildlederhandschuhe, die ihr Mann ihr wenige Stunden zuvor geschenkt hatte, mit Seal-It.
Der Anruf war eben erst eingegangen, kaum sechs Stunden nach Abschluss des letzten Falles, der ihr einiges abverlangt hatte.
Ihr erstes Weihnachtsfest mit Roarke sah nicht nach einem furiosen Start aus.
Für Richter Harold Wainger hatte das Fest jedoch eine wesentlich fatalere Wendung genommen.
Seine Leiche lag mitten auf der Eisbahn im Rockefeller Center. Mit dem Gesicht nach oben, sodass seine glasig starren Augen den bombastischen Weihnachtsbaum fokussierten – New Yorks Symbol der guten Wünsche für ein friedvolles Fest.
Waingers Leichnam war unbekleidet und bereits tiefblau verfärbt. Das dichte silbergraue Haar, zu Lebzeiten sein Markenzeichen, war stoppelkurz geschoren, sein Gesicht grässlich entstellt. Trotzdem hatte Eve keine Probleme, ihn zu identifizieren.
Sie war seit zehn Jahren bei der Polizei und hatte den Richter unzählige Male bei Verhandlungen erlebt. Er war, sinnierte sie, ein kompetenter und engagierter Mann gewesen, der die Gesetze respektierte, aber auch um ihre Fallstricke wusste.
Sie bückte sich über den Toten, um die Worte zu entziffern, die tief in seinen Brustkorb eingebrannt standen.
Richte, so wirst du gerichtet.
Sie hoffte für ihn, dass ihm die Brandmale post mortem zugefügt worden waren, bezweifelte dies jedoch stark.
Man hatte ihn brutal gefoltert, ihm die Finger beider Hände gebrochen. Blutige Einschnitte an Hand- und Fußgelenken deuteten darauf, dass er gefesselt worden war. Gleichwohl waren es weder Folter noch Brandmale, die seinen Exitus herbeigeführt hatten.
Das Seil, an dem man ihn aufgeknüpft hatte, schmiegte sich weiterhin um seinen Hals, grub sich tief in das tote Fleisch. Das war bestimmt kein schneller Tod, überlegte sie. Sie hatte nicht den Eindruck, als hätte er das Genick gebrochen, stattdessen ließen die geplatzten Äderchen in seinen Augäpfeln und im Gesicht eher auf eine langsame Strangulation schließen.
»Er wollte Sie möglichst lang am Leben halten«, murmelte sie. »Damit Sie das ganze Martyrium qualvoll spüren.«
In kniender Haltung inspizierte sie die handgeschriebene Notiz, die sich fröhlich im Wind bauschte. Sie bedeckte den Penis des Opfers, gleichsam wie ein obszönes Leichentuch. Fein säuberlich mit Druckschrift aufgelistet, standen darauf diverse Namen.
RICHTER HAROLD WAINGER
STAATSANWÄLTIN STEPHANIE RIN