Kapitel II.1.1, Menschenopfer im Rahmen religiöser Zeremonien:
Menschenopfer waren in den alten Andenkulturen wie auch in Zentralamerika weit verbreitet. Die zahlreichen archäologischen Funde, die der Moche-Kultur zugeordnet werden können, erlauben den Rückschluss, dass auch bei ihnen aus religiösen Gründen zahlreiche Menschen geopfert wurden. Hierzu wurden vermutlich auf der einen Seite Kriegsgefangene und auf der anderen Seite auch Verlierer ritueller Kämpfe innerhalb des eigenen Herrschaftsbereichs herangezogen. Funde auf den Chincha-Inseln an der Südküste stimmen mit den Abbildungen auf einigen Keramikenüberein: So fand man in den Gräbern der Bestatteten Holzskulpturen, welche nackte Männer (vermutlich Kriegsgefangene) darstellten, denen ein Strick um den Hals gelegt und die Hände gebunden wurden. Zahlreiche ikonographische Quellen berichtenüber unterschiedliche Methoden, mit denen die Mochica die auserwählten Opfer dem Tode zuführten: Sie stürzten die Gefangenen von den Klippen wie in Abb. 4 dargestellt, enthaupteten sie oder ließen sie verbluten, indem sie ihnen die Halsschlagader aufschlitzten, was in Abb. 5 zu sehen ist. Das Opfer wird dabei an den Haaren ergriffen, während der Priester– hier mit Hirschkopfhelm– das Messer ansetzt. Ob das Gesicht des Opfers Schmerz, Furcht oder den betäubenden Schlaf der Drogen ausdrückt, bleibt unklar.
Die Opferzeremonie war in mehrere Phasen unterteilt– wie Abb. 6 dokumentiert– und dienteüberwiegend der Beschaffung des Blutes eines Gefangenen. Es begann mit einem rituellen Zweikampf, bei dem Speere, Schleudern und Schwerter eingesetzt wurden, nie jedoch sind Pfeile zu sehen, wie sie etwa bei der Tierjagd benutzt wurden. Der direkte Kontakt beider Krieger und deren kämpferische Fähigkeiten standen ganz im Vordergrund der Auseinandersetzung. Beide Gegner trugen eine Körperbemalung und waren mit Schmuck versehen, Art und Umfang ihrer Ausrüstung waren jeweils von Herkunft und Status abhängig. Anhand dieser Merkmale kann man erkennen, dass es sich bei allen Kämpfern um Moche-Krieger handelte. Daneben sind aber auch Darstellungen von mythischen Tieren, die als Kämpfer einer Opferzeremonie auftreten,überliefert. Nach heutigen Kenntnissen endete der Zweikampf erst, wenn einer der beiden Kontrahenten den Kopfschutz des Gegners herunterstoßen konnte und dessen Haar zum Vorschein kam– dies wurde als Zeichen der Unterlegenheit gewertet und bedeutete den baldigen Tod. Die Waffen des Gewinners, aber auch die des Verlierers, wurden im weiteren Verlauf der Prozedur als symbolische Gegenstände und die Unterlegenen als Gefangene hohen Kriegern präsentiert, die das Kampfgeschehen etwas abseits beobachtet hatten. Es gilt als gesichert, dass ein Teil zu Sklaven gemacht wurde, während andere Gefangene für die Blutopfer bestimmt wurden. Den Ablauf der Gefangennahme beschreibt Donnan folgendermaßen:„Einmal gefangen, wurden alle oder einige Kleidungsstücke abgezogen, ein Seil um den Hals gelegt und die Hände wurden manchmal hinter dem Rücken zusammengebunden. Der Sieger zog dann die Schlinge fest um den Hals des Gefangenen und führte ihn vom Schlachtfeld. [...] Eine Darstellung zeigt, wie dieser zu einem Zeremonialplatz geführt wurde, der von großen Pyramiden mit Tempelstrukturen auf deren Spitze eingefasst war. Im Anschluss an die Verurteilung gab es eine Zeremonie, bei welcher die Gefangenen geopfert wurden“.
Als Fortsetzung der rituellen Zeremonie, die man sich als eine Art Prozession vorstellen kann, wurde nun das Opferblut gewonnen. Wie bereits erwähnt, wurde u.a. mit Hilfe von Knochen oder spitzen Metallgegenständen die Kehle des Opfers aufgeschlitzt und das Blut in einem Opferkelch aufgefangen. Dies war die nach unserem heutigen Verständnis humanste Art der Mochica, ihre Gefangenen zu töten, indem sie sie einfach verbluten ließen.Überhaupt spielte das Blut eine große Rolle bei dem Ritual. Das Gefäß mit dem Blutüberreichte einer der wichtigsten Teilnehmer der Opferprozedur, der„Vogelpriester“, wie ihn Bourget nennt (gekennzeichnet mit dem Buchstaben B in Abb. 6), dem Fürsten beziehungsweise Kriegerpriester oder„Strahlenwesen“ (Buchstabe A), der ein aufwendiges Ornat trug und dem sich alle anderen Personen zuwandten. Die Identität der Person ganz rechts auf dem Bild (Buchstabe D), welche mit dem Kopf eines Katzendämons geschmückt ist, ist nicht ganz klar, wobei jedoch denkbar ist, dass es sich dabei ebenfalls um einen Priester handelt, der die Opfer mit dem Zepter, den er in einer Hand hält, ausführt. Das in der Ausgrabungsstätte von Sipán befindliche so genannte Grab Nr. 3 wird als Begräbnisstätte dieser Person zugeordnet. Als Grabbeigabe fand man eine Art Meißel mit eine |