Das Thermometer vor dem Wohnzimmerfenster zeigte fünf Grad plus. Anstatt zu schneien, regnete es. Nur verschwommen konnte Lilli die Bäume am anderen Ende des Gartens erkennen. Das Sternentuch aus Seide, das sie gestern um eine der Tannen geschlungen hatte, war nur ein sinnloser gelber Fleck in all dem Grau. Lilli hauchte gegen die Scheibe und malte mit dem Fingernagel dünne Spiralen auf das beschlagene Glas. Ihre Gedanken versanken im Nebel. Jetzt war Lilli eine Eisprinzessin. Die Kufen ihrer Schlittschuhe sangen eine unhörbare Melodie, Lillian Holiday schraubte sich in die Luft, ihr Kostüm glitzerte, ihre Locken wirbelten … Da klingelte es. Lillian Holiday plumpste aus ihrem Tagtraum und war wieder Lilli Holler, die vergeblich auf den ersten Schnee wartete.
Sneaker, der vor dem Sofa auf dem Teppich döste, hob den Kopf und bellte.
»Machst du mal auf?«, rief Lillis Vater aus der Küche.
Es klingelte erneut. Diesmal energischer.
»Lilli!« Die Stimme aus der Küche klang ebenfalls energischer. Es roch nach verbrannten Plätzchen.
Hoffentlich nicht Luisa, dachte Lilli und öffnete die Haustür.
Bob und Very grinsten Lilli ins Gesicht.
»Avanti, Oberküken!« Bob schnappte sich Lillis Anorak von der Garderobe.
»Bandentreffen auf der Eisbahn«, ordnete Very an. Über ihrer Schulter hing ein ziemlich neues Paar Schlittschuhe aus weißem Leder.
»Passwort?« Lilli verschränkte abwartend die Arme.
Very verdrehte die Augen. »Kannst du dir das nicht mal abgewöhnen?«
»Sind wir eine Bande oder nicht?«, fragte Lilli.
»Es warEiszapfen, oder?«, grübelte Very.
»Nein,Schneeball!« Bob warf Lilli den Anorak über den Kopf. »Jetzt komm, wir waren gestern schon ohne dich da!«
»Es warSchneeflocke«, sagte Lilli. »Und außerdem hab ich gar keine Schlittschuhe.«
»Na und, ich auch nicht.« Mit ihrem Hinterteil drückte Bob die Haustür auf. »Wir leihen uns welche bei Gelatino. Vielleicht müssen wir nicht mal was bezahlen.«
Das Regenwetter vor der Tür sah nicht gerade einladend aus.
Widerwillig schlüpfte Lilli in ihre Stiefel. »Papa, ich geh mit den Mädels zur Eisbahn.«
Aus der Küche kam nur ein »Mmh«.
Bob rümpfte ihre Knubbelnase.
»Papa backt für deine Tante Luisa Zimtsterne«, erklärte Lilli und fand die Vorstellung, dass die Freundin ihres Vaters ihm zuliebe verbrannte Plätzchen hinunterwürgte, eigentlich ganz reizvoll.
Lilli hielt mit beiden Händen den großen grauen Herrenschirm ihres Vaters über sich und ihre Freundinnen. »Luisa nervt echt total. Wieso muss Papa sich auch ausgerechnet in unsere Lehrerin verknallen? Wenn sie auf einer Bohrinsel arbeit