Die Sensation Franziskus
Mittwoch, 13. März 2013. Sixtinische Kapelle. Vatikanstadt. Es ist 16.30 Uhr, als die Kardinäle nach der Mittagspause unter den weltberühmten Fresken von Michelangelo Buonarroti in die Kapelle zum vierten Wahlgang einziehen. Trotz der Stille in der Kapelle ist deutlich zu spüren, dass etwa 30 von ihnen von nackter Angst gepackt werden– so werden das später mehrere Kardinäle beschreiben. Es sind die etwa 30 Kurienkardinäle, die ständig in Rom wohnen und die Kirchenregierung, die Kurie, stellen. Sie wissen, dass sie jetzt vor allem eines unbedingt verhindern müssen: in Panik zu geraten. Was sie fürchten, darf auf keinen Fall eintreten: dass der Mann, der bereits im Jahr 2005 etwa 40 Stimmen bekam, der nächste Papst wird. Was sie auf Teufel komm raus verhindern müssen, ist die Wahl des Jorge Mario Bergoglio.
Die Kurienkardinäle erinnern sich gut an Bergoglio. Viel zu gut. Der Argentinier kam immer ungern nach Rom, aber wenn er kam, dann immer aus dem gleichen Grund: weil die Kurie ihm das Leben in Buenos Aires wieder einmal unmöglich gemacht hatte. Und sie hatten es ihm oft unmöglich gemacht! Bergoglio hatte die unangenehme Eigenschaft, dass er nicht einfach mit sich machen ließ, was die Kurie vorhatte. Wenn sie ihm wiederÄrger bereitet hatte, dann reiste er an, scheute nicht den Streit und besorgte sich einen Termin beim Papst. Zum Unglück der Kurie erfreute sich Bergoglio großer Wertschätzung sowohl von Johannes PaulII. als auch von BenediktXVI. Streit war also vorprogrammiert, sobald Bergoglio in Rom war, und der Kardinal aus Buenos Aires hielt ihn aus.
Der entscheidende Konflikt war erst einige Monate her. Monsignore Ettore Balestrero, Zweiter Sekretär in der Abteilung des Staatssekretariats, das zuständig war für die Beziehung zu den Staaten, hatte Bergoglio attackiert. Dazu muss man wissen, dass Balestrero nichts anderes war als der verlängerte Arm des großen Bosses, des Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone. Wenn also Balestrero auf einen Kardinal losging, dann steckte Bertone dahinter– alle wussten das. Balestrero hatte Bergoglio wieder einmal vorgeworfen, dass dieser die besten Priester immer in die Slums schickte statt in die teuren Eliteschulen der katholischen Kirche für die Oberschicht oder in die Pfarreien der eleganten Stadtviertel von Buenos Aires oder gar nach Rom, wo wegen des Priestermangels dringend Nachwuchs gebraucht wurde. Wegen dieses Punktes gab esÄrger seit der Ernennung Bergoglios zum Erzbischof von Buenos Aires, also seit 1998. Bergoglio persönlich ging mit den Priestern in die Slums, jahrzehntelang, selbst dahin, wohin sich nicht einmal die Polizei traute. Bergoglio lehnte immer alle Eskorten ab, er nahm seine Priester mit und stellte sie den armen Leuten vor. Nie war Bergoglio ein Haar gekrümmt worden. Er hatte mit denÄrmsten Mate getrunken, den typischen Aufguss aus den Blättern des Matestrauchs,über viele Jahre hinweg. DieÄrmsten wussten, dass Bergoglio ihr Bischof war, und deswegen schützten sie seine Priester und nahmen sie auf. Selbst dort, wo sich Drogenbanden Feuergefechte lieferten, wo es um viel Geld ging, konnten Bergoglio und seine Priester nach Belieben kommen und gehen. Sie waren Männer Gottes, und selbst die schlimmsten Verbrecher akzeptierten das.
Aber die Kurie sieht das anders. Weil Bergoglio sich um die Armen kümmert, gilt er als Versager, als Mann, der keine Ahnung hat, wie man eine Diözese lenkt. Balestrero lässt durchblicken, dass Bergoglios Tage gezählt sind. Angesichts seiner Haltung werde sein Rücktritt vom Amt des Erzbischofs von Buenos Aires, der kurz bevorstehe, auf jeden Fall angenommen werden. Jorge Mario Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 geboren, mit Vollendung des 75. Lebensjahres im Dezember 2011 muss er also, wie jeder andere Kardinal oder Bischof auch, seinen Rücktritt anbieten. In der Regel geschieht dies erst mit einigen Monaten Verzögerung. Balestrero lässt wissen, dass Bergoglios Amtszeit auf keinen Fall verlängert wird, wie das bei anderen Bischöfen oft der Fall ist. So ist etwa der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner drei Jahreälter als Bergoglio, aber immer noch im Amt. Für Bergoglio aber sei noch vor Beginn des Sommers 2013 Schluss. Er habe nur noch ein paar Monate Amtszeit vor sich, das immerhin garantiert Balestrero im Namen von Tarcisio Bertone.
Der Hass auf Bergoglio hängt nicht nur mit seinem Kampf für die Armen zusammen. Es gibt einen zweiten Grund, der noch schwerer wiegt, auch wenn das lächerlich erscheint. Jorge Mario Bergoglio ist die lebende Anklage gegen die Kurie und gegen fast alle Kardinäle und 5000 Bischöfe der Welt. Im Vatikan weiß jeder, was Bergoglio darüber denkt, dass die Kurienkardinäle im Besonderen, aber auch fast alle anderen Kardinäle und Bischöfe sich von Ordensfrauen bedienen lassen, von einer mehr als 10000 Frauen umfassenden Armee von Haushälterinnen, die fast alle Nonnen sind. Papst Benedikt konnte sichüber die Dienste von gleich vier Ordensfrauen von Comunione e Liberazione (CL) freuen. Bergoglio hat keine einzige Nonne als Haushälterin. Das allein wäre nicht so schlimm, wenn er wenigstens die Klappe halten würde, aber das tut er nicht. Er sagt bei Treffen im Vatikan ganz offen, dass die Ordensfrauen, die in den Küchen der Kardinäle kochen, Wäsche waschen, Betten beziehen, Geschirr abwaschen und Kaffee für den Fahrer des Bischofs aufbrühen, das tun sollten, wofür sie eigentlich Nonnen geworden sind: das Evangelium verkünden, Kinder beschützen, Alten beistehen, Gottes Liebe zeigen. Diese Kritik, so simpel sie auch erscheinen mag, sorgt für blankes Entsetzen im Staat des Papstes. Kein Kardinal braucht echtenÄrger zu fürchten, wenn er seine Geldgeschäfteüber die wegen mutmaßlicher Geldwäsche in Verruf geratene Va