2
Was sich dann zwischen den beiden Fronten ereignete, war ein Stück reiner Menschlichkeit.
Aus dem Kriegstagebuch des 16. Bayerischen Infanterieregiments
JACK REAGAN TRÄGT EINEN HOCKER NACH DRAUSSEN UND BIETET der Laufkundschaft seine Dienste an. Es wäre auch im normalen Leben für einen Friseur ungewöhnlich gewesen, auf einem Trottoir in London oder Manchester zu stehen und da seinen Beruf auszuüben, den Kunden unter freiem Himmel statt im Salon die Haare zu schneiden oder den Bart zu stutzen. Aber auf einem gefrorenen Acker vor dem englischen Schützengraben bei Wez Macquart, zwischen Stacheldrahtzaun und Granattrichter, ist es einfach verrückt.
Hauptmann Josef Sewald vom 17. Bayerischen Reserveregiment sieht es ebenso. Man möge sich das mal vorstellen, schrieb er nach Hause, wir sind schließlich im Krieg!, am ersten Weihnachtstag habe es einen Friseur gegeben, der tatsächlich für ein paar Zigaretten pro Soldat, völlig wurscht, woher der kam, von seiner oder der anderen Seite, die Haare gekürzt hat. Mehr noch. Viele Feinde schnitten sich gegenseitig die Haare, was ein noch merkwürdigeres Bild ergab, denn einen Hocker wie Reagan hatten sie ja nicht.
Also knieten die einen vor den anderen, bunt gemischt die Reihe, Dutzende von jungen Männern, die beim Einschäumen und Rasieren und beim lustvollen Zertreten von Läusen in den fallenden Haarbüscheln laut lachten. »Es war keine Spur von Feindschaft zwischen denen«, und würde er es nicht selbst gesehen haben, niemals hätte Sewald so etwas für möglich gehalten.
Den ganzen 25. Dezember über hat es ähnlich wahnsinnige Szenen und absurd anmutende Begegnungen an der Westfront in Flandern gegeben, bei Houplines und St.Yvon, bei Messines und Ploegsteert, in Wijtschate und Warneton, bei Frelinghien und Armentières, in Fleurbaix und in Le Touquet. Wahnsinn war genau genommen das, was sie hier und anderswo seit Monaten betrieben: der Krieg. Wahnsinn war das tägliche Töten, Wahnsinn die Zerstörung von Städten und Dörfern und Existenzen. Dass ausgerechnet in Flandern, auf dessen Feldern die Soldaten buchstäblich um jeden Meter Boden kämpften, wo in knapp fünf Monaten schon Hunderttausende gefallen waren, plötzlich und über Nacht und auf Zuruf übers Feld der Frieden ausbricht, ist zwar der eigentliche Wahnsinn.
Aber dennoch erklärbar. Wo sich die Feinde Aug’ in Aug’ gegenüberlagen, oft ja buchstäblich, erkannte der eine bei allem Hass im anderen auch jene Angst, welche ihn selbst quälte. Die Angst vor dem Tod. Dieses urmenschliche Gefühl war denen in ihren sicheren Hauptquartieren fremd. Welcher Stabsoffizier verirrte sich schon mal an die Front? Deshalb sind die da oben so überrascht, als die ersten Meldungen vom plötzlichen Frieden der da unten eintreffen.
Zum wunderbaren Wahnsinn tragen die normalen Wahnsinnigen nichts bei. Die bleiben sich treu und setzen ihren Krieg am ersten Weihnachtstag fort. Sie seien eben doch Bastarde, miese Feiglinge, die Deutschen, schimpfte Sergeant Blackwood Jones in einem Brief an seine Frau, ein Scharfschütze von denen habe einen Kameraden mit einem gezielten Schuss in den Rücken getötet. Dabei hatte der nur in friedlicher Absicht Tabak und Marmelade gegen Brot und Zigaretten getauscht und befand sich schon wieder auf dem Rückweg in die britischen Stellungen. Nach seiner Schilderung könnte es sich um Sergeant Frank Collins gehandelt haben, im Zivilberuf Briefträger, dreifacher Familienvater, der erschossen worden war, als er mit Zigaretten der Marke Woodbines zwischen den Gräben handelte.
Erschossen von einem preußischen Scharfschützen und nicht etwa von einem sächsischen. Die Sachsen vergessen nie, ihre englischen Verhandlungspartner vor den Preußen zu warnen. Eigentlich sollten wir mit euch auf einer Seite stehen, nicht mit denen. Eine solche Aussage scheint sogar glaubhaft. Denn Colonel Harold Barrington-Brown hat sie bei seinen Gesprächen im Niemandsland bei Armentières wörtlich so gehört und anschließend notiert.
Normaler Wahnsinn auch auf der anderen Seite. Ein deutscher Sol