: Georg Schramm
: Lassen Sie es mich so sagen ... Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit
: Karl Blessing Verlag
: 9783641017910
: 1
: CHF 7.10
:
: Humor, Satire, Kabarett
: German
: 273
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Kompromisslos& RABENSCHWARZ

Es gibt in Deutschland keine Handvoll Kabarettisten seiner Klasse. Georg Schramms Figuren sind hintergründig-hinterhältige Charakterstudien, seine Präzision ist unerreicht, sein kompromisslos-rabenschwarzer Witz gerühmt und gefürchtet. Seine beeindruckende Bühnenpräsenz und sein langjähriges Mitwirken im »Scheibenwischer« bescherten ihm eine große Fangemeinde. Seit Januar 2007 verkündet er gemeinsam mit Urban Priol monatlich live »Neues aus der Anstalt« im ZDF. Sein erstes Buch ist eine Deutung der Zeit zur rechten Zeit.

Böser geht’s nicht, aber brillanter auch nicht.

Lothar Dombrowski, die Paradefigur von Georg Schramm, ist unversöhnlich, nachtragend und wütend. Also all das, was wir in unserem großkoalitionär regierten Land dringend brauchen. Seine Texte lesen sich wie Aufrufe zum Widerstand:

»Genau genommen fordern wir nicht Wahrheit sondern Wahrhaftigkeit! Den Unterschied kann das ach so gemeine Wahlvolk zwar nicht definieren, aber spüren.«
LOTHAR DOMBROWSKI

In LASSEN SIE ES MICH SO SAGEN führt Georg Schramm anhand der Kabarett-Texte für Oberstleutnant Sanftleben, den Sozialdemokraten August und andere Figuren durch zwanzig Jahre Geschichte der Republik. Die Texte sezieren in entlarvenden Charakterstudien den deutschen Volkskörper und holen weit weg geglaubte politische Inhalte mitten ins alltägliche Leben, ins Private eines jeden Lesers. Erstaunlich, welch hohe Aktualität die alten Texte haben, wie sich der Bogen zu ganz frischen Texten spannt und welche Aussagekraft über den Stand der Dinge im Zusammenspiel entstehen

Georg Schramm, 1949 geboren, nach Abitur und Bundeswehr Studium der Psychologie. Zwölfjährige Tätigkeit als Diplom-Psychologe. Ab 1988 ausschließlich Kabarettauftritte. Sechs Soloprogramme, darunter „Mephistos Faust“ (2001) und „Thomas Bernhard hätte geschossen“ (2005). Zahlreiche Auszeichnungen (u.a. Deutscher Kleinkunst-Preis, Deutscher Kabarett-Preis, Salzburger Stier und Schweizer Kabarett-Preis Cornichon). Von 2000 bis 2006 Mitglied im „Scheibenwischer“-Team, seit Januar 2007 ZDF-Live-Satire „Neues aus der Anstalt“ mit Urban Priol. Er lebt im Markgräfer Land.

7 Der Sozialdemokrat – eine aussterbende Spezies (S. 103-105)

»Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Sozialdemokratie « – den Satz hat vor langer Zeit der große Liberale ralf Dahrendorf gesagt, einer der wenigen Deutschen, die es in england zu hohem rang und ansehen gebracht haben. Das 20. Jahrhundert liegt nun hinter uns, und die Kraft der Sozialdemokratie schwindet im gleichen maß wie die Bedeutung der arbeiter für das Wirtschaftswachstum. mir bot sich die Gelegenheit für ein kurzes resümee, als im mai 2003 Dieter hildebrandts letzter »regulärer« »Scheibenwischer« gesendet wurde. (Danach folgte im oktober 2003 die große abschiedssendung, dazu siehe »ein starker abgang«, S. 152.)

Die Ära hildebrandt ging zu ende, die Ära des sozialen Friedens im Land ebenfalls, dazu die agonie des Sozialstaats und das schrille Triumphgeheul der Neoliberalen in Union und FDP. abschiedsstimmung und Wehmut lagen in der Luft, als die letzte Sendung begann: für die Zuschauer im Studio, für die langjährigen mitarbeiter der Sendung, die hildebrandt in all den Jah ren nach jeder Sendung in den »Preußischen Landgasthof « eingeladen hatte, und nicht zuletzt für mich. Ich habe einen – im alltag meist sorgfältig verborgenen – hang zur Sentimentalität und bin dem Pathos nicht abgeneigt, wenn sich eine gute Gelegenheit bietet.

Und dieser abend war eine gute Gelegenheit. Der Sozialstaat, die SPD und Dieter Hildebrandt Wir erleben das ende einer Ära, der wir noch lange nachtrauern werden. Wenn wir über den Niedergang des Sozialstaates geredet haben, sollten wir auch noch kurz einen Blick auf seine preußischen anfänge werfen. an einem solchen abend ein klein wenig auszuholen, halte ich für angemessen. »Die soziale Frage lässt alle regierungen schaudern«, hat Bismarck gesagt. er wollte sie lösen. »Um Sozialisten und Sozialdemokraten zu bekämpfen, muss man den berechtigten Teil ihrer Forderungen erfüllen.«

Sein Plan war, durch ein minimum an Staatssozialismus zugunsten einer Sozialversicherung die SPD dauerhaft von ihrem radikalen Teil abzuspalten. Finanzieren wollte er das Ganze durch umfassende Tabakbesteuerung und materielle Zugeständnisse des Kapitals. So dachte der alte Bismarck vor 120 Jahren. Sein Finanzierungsmodell scheiterte an der Lobby des Kapitals. Damals schon. Seine Sozialreformen fi­, e len so mickrig aus, dass die SPD weiter wuchs. Das 20. Jahrhundert wurde das Jahrhundert der Sozialdemokratie. Sie löffelte nach dem ersten Weltkrieg die Suppe für andere aus. Sie verhinderte 1919 die revolution, was ihr das Bürgertum niemals dankte. Sie milderte nach dem Zweiten Weltkrieg die großen Lebensrisiken der kleinen Leute, verlieh der Industriegesellschaft zusammen mit den Gewerkschaften menschliche Züge.

Und nun ist das Jahrhundert der Sozialdemokratie vergangen. Zu Beginn des neuen, des 21. Jahrhunderts wird ihre Gefolgschaft nicht mehr als arbeitskraft gebraucht. Die SPD hat ihre Schuldigkeit getan und kann gehen. Wir erleben das ende eines äußerst erfolgreichen Gesellschaftsvertrages, der auf Wachstum und Vollbeschäftigung basierte. Wir ahnen, dass Vollbeschäftigung nur eine kurze episode der Industriegesellschaft gewesen ist und massenarbeitslosigkeit ihr Normalzustand. Wir ahnen, dass unser geliebtes und gelobtes Wachstum kein Naturgesetz ist. aber kann eine zivile Gesellschaft ohne Wachstum leben? Wenn das zum Leben Notwendige so effi­,zient produziert wird, dass dauerhaft 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung erwerbslos sind, wie kriegen wir das unter ein Dach? Wäre das nicht die Stunde der opposition, des Bürgertums?
Inhaltsverzeichnis8
1 Rechtfertigung12
2 Standortsuche16
3 Preuße sein – eine Geisteshaltung41
4 Anmerkungen zur Revolution 184850
5 Oberstleutnant Sanftleben und der Krieg67
6 Clausewitz und das Innovative am Balkankrieg89
7 Der Sozialdemokrat – eine aussterbende Spezies104
8 Der » Scheibenwischer «128
9 Das Volk braucht nicht viel160
10 2005 – Schicksalsjahr und Schicksalswahl183
11 Auf ein » Neues aus der Anstalt «202
12 Man muss an die Gesundheit denken211
13 Das Alter naht236
14 Von der Diskussion zur Agitation250
Das letzte Kapitel267