KAPITEL 2
Klein-Roda
Die Polizei hatte den Tatort gesichert, die Leiche war abtransportiert worden und Bremer hatte alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet. Zu seiner Überraschung fühlte er sich allein, als sie gegangen waren.
Niemand war auf der Straße, niemand saß unter der großen Linde vor Gottfrieds Haus, wo sich normalerweise alle versammelten, wenn es etwas zu bereden oder zu berichten gab. Es war, als hätten alle Nachbarn die Flucht ergriffen.
Selbst Marianne, deren Haus an seinen Garten grenzte und die immer die Erste war, die das Küchenfenster öffnete und ihn mit Dorfklatsch versorgte, ließ sich nicht blicken. Erwin von gegenüber hörte man wenigstens husten, aber er saß nicht wie sonst an schönen Sommertagen auf seinem Rasenmäher, um seinen makellosen Rasen noch makelloser zu machen.
Seit er die Leiche auf dem Friedhof gefunden hatte, fühlte Bremer sich wieder als der, der er war: als geduldeter Fremder. Das Dorf hatte dicht gemacht. Aus irgendeinem Grund wollten sie nicht reden über das, was Bremer unaufhörlich beschäftigte: Wer war der Tote auf dem Friedhof? Wer hatte den Mann so unfassbar brutal erschlagen? Warum? Und warum hatte sich das Opfer nicht zur Wehr gesetzt?
Missmutig beschäftigte sich Bremer in seinem Garten, bis es dunkel wurde. Missmutig öffnete er eine Flasche Pinot Noir, der ihm ausnahmsweise nicht schmeckte. Missmutig ging er ins Bett. Und nach missmutigen Träumen wachte er viel zu früh auf. Weil in aller Herrgottsfrühe das Telefon klingelte.
Karen? Eigentlich wusste sie, wie gesprächig er am frühen Morgen war.
Ohne Rücksicht auf Nemax und Birdie schlug er die Bettdecke zurück und lief zum Telefon im Flur.
»Ja?« Wehe, jemand sagte jetzt »Falsch verbunden«.
»Herr Bremer?« Eine zaghafte Frauenstimme.
»Ja!«, bellte er.
»Evangelisches Krankenhaus. Schwester Anja. Ich rufe wegen eines Patienten an. Gottfried Funke. Ihre Telefonnummer war als Kontakt angegeben, und ich dachte …«
»Das ist in Ordnung«, sagte Bremer, jetzt gnädiger. »Wie geht’s ihm?«
»Gut. Besser. Es ist nichts Ernstes.«
Und deshalb riefen die so früh an?
»Herr Funke benötigt ein paar Schlafanzüge. Unterwäsche. Waschzeug.«
»Ist gut. Ich komme«, brummte Bremer, der auch das nicht für dringend hielt.
»Und – Herr Bremer, wenn ich Sie darum noch bitten dürfte – die Krankenkassenkarte. Der Chef sitzt mir im Nacken.«
Ach so. Das war natürlich das Wichtigste.
Bremer hatte das Nachbarhaus nie betreten, ohne da